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Kritik von Frank Lauenroth zu 'Im Juli'

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Partner von Entania
Kritik von Frank Lauenroth
veröffentlicht am 18.11.2008
100%
Ein deutscher Film? Nicht wirklich. Die Reise beginnt in Hamburg, aber der Weg führt, wie bei so vielen Roadmovies, an einen fernen Ort (diesmal Istanbul). Und wie bei so vielen Filmen ist der Weg, die räumliche Überwindung, nur Vorwand für den inneren Weg, die Erkenntnis. Der Groschen muss halt fallen. Wie so häufig. Vorher gibt es natürlich Hindernisse - auf beiden Wegen. Stoff für eine Komödie, Stoff für einen wirklich guten Film.

Mathematik-Referendar Daniel (Moritz Bleibtreu) ist ein Spießer wie er im Buche steht. Auch wenn wir ihn zuerst nicht als solchen kennenlernen. Denn der Film startet irgendwo der zweiten Hälfte der Geschichte, auf einer Landstraße in Bulgarien, mit einer totalen Sonnenfinsternis. Er hat keine Pass, kein Geld und sucht eine Mitfahrgelegenheit. Ein Mercedes hält. Berliner Kennzeichen. Ein Mann mit südländischem Aussehen, geht zur Kofferraumklappe und öffnet diese. Fliegen steigen auf. Eine Leiche befindet sich im Kofferraum. Der Mann sprüht Aktivduftspray und will den Kofferraum wieder schließen. Aber da ist wie aus heiterem Himmel plötzlich Daniel hinter ihm und fängt sich erstmal den ersten Schlag ein. Aber Daniel ist mittlerweile ein Stehaufmännchen und so stellt er sich vor den abfahrenden Mercedes und riskiert seine Gesundheit. Da der Mercedes seine Geschwindigkeit nur minimal verringert, kommt der Stuntman zum Einsatz. Daniel macht ne saubere Rolle über den Wagen, bleibt aber ohne größere Blessuren unter der bulgarischen Sonne liegen. Und wach. Das weiß der Andere aber nicht. Der türkischstämmige Mercedesfahrer wuppt den scheinbar Bewusstlosen auf den Rücksitz und ab die Post. Ein Mörder (?), der einen weiteren Toten (seine Annahme!) mitnimmt? Ein Collector vielleicht. Der Schreck ist groß, als Daniel sich vom Rücksitz ins Leben zurückmeldet. Minuten später sitzt er auf dem Vordersitz, der Türke will in die Türkei und so haben sie reichlich Zeit für ein Geschichte. Daniels Geschichte.

Daniel ist ein Spießer wie er im Buche steht. Ich weiß - das hatten wir schon. Aber jetzt ist die Geschichte am chronologischen Anfang und da ist Daniel ein Spießer, ein Loser, jemand der gern übersehen wird. Nur von Juli (Christiane Paul) nicht. Dort wo sie ist, kommt er täglich vorbei und sie ist sich sicher, dass er der "eine welcher" ist! Heute, ja heute spricht sie ihn an. Erzählt ihm was von der Sonne. Er ist Lehrer in Spe und sieht das alles zu physikalisch. Die Sonne steht für Glück, lehrt ihn Juli. Sie verkauft ihm für 35 Mark einen Silberring mit stilisierter Sonne und erzählt ihm, dass er eine Frau treffen wird, die eine Sonne trägt. Hatte ich schon erwähnt, dass Daniel kein Blitzmerker ist? Juli schenkt ihm eine Eintrittskarte für eine abendliche Hinterhofparty und so trennen sie sich - vorerst.
Am Abend geht Daniel zu besagter Fete und läuft in die Arme von Melek, die eine Sonne auf Herzhöhe als Stickerei auf ihrem Kleid trägt. Sie sucht eine Unterkunft für eine Nacht und landet bei Daniel zuhause. Juli kommt mit einem wunderbaren Kleid - mit Sonne in Bauchnabelhöhe - zu spät.
Am nächsten Morgen muss Melek zurück in die Türkei. Sie erzählt Daniel, dass sie sich am Samstag unter der großen Bosporus-Brücke auf einem Platz mit jemandem treffen muss. Und schon ist sie weg und mit ihr Daniels Liebe... wirklich? Daniel ist ein Träumer, fern jeglicher Realität, ein Referendar eben. Aber er hat einen Plan, es ist der Moment, da der Mann in ihm erwacht und so nimmt er den ihm anvertrauten Ford Granada mit Hanfsymbol auf der Fronthaube und begibt sich auf den Weg gen Istanbul. Er weiß, wann Melek wo sein wird! Zeitgleich ist Juli ob ihres Reinfalls mit Daniel von der Stadt und vom Leben enttäuscht und wartet samt Rucksack an der südliche Ausfahrt Hamburgs auf den ersten Wagen, der sie mitnimmt und der so ihr Ziel festlegt.
Und nun alle mal raten, wer als erster um die Ecke biegt ...
Juli steigt bei Daniel ein, sieht ihre zweite Chance und will sie packen, indem sie vorgibt, auch nach Istanbul zu wollen. Eine lange Strecke und da kann viel passieren. Und es wird viel passieren.

Fatih Akin ist eine Komödie im Stile alter Screwballs gelungen. Überraschende Wendungen und Zusammenhänge, selbst die Bösen sind nicht wirklich böse und so schlittert vornehmlich Daniel von einer Ohnmacht in die nächste. Doch er wächst mit jeder Herausforderung, ergreift die Initiative, hat das Glück des Tüchtigen, verliert Juli und trifft sie wieder, trifft Melek und folgt endlich der einzig wahren Sonne. Inzwischen hat er auch seine Bergpredigt gelernt, denn es ist unschwer zu erraten, wen er wirklich sucht und wen er finden muss, nachdem er sich selbst gefunden hat.

Dass er auf seiner Reise bestohlen wird, selbst zum Dieb wird, ist nur Mittel zum Zweck. Ein Roadmovie eben - aber noch mehr. Denn der Film ist ausserdem eine versteckte Liebeserklärung an den Südosten Europas. Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn (in umgekehrter Reihenfolge) sind Teilziele von Daniels und zeitweilig auch Julis Odyssee. Und irgendwie sind sie und ihre Menschen alle liebenswert. Das ist natürlich interpretativ und vielleicht unterstelle ich einen Anspruch, der oberflächlich betrachtet nicht erkennbar ist. Aber selbst wenn man diesen Aspekt weglässt, so bleibt ein wunderbarer Film über die Liebe, über die Sonne, im Juli.

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