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Kritik von Fred Maurer zu 'Die heimlichen Wunden'

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Kritik von Fred Maurer
veröffentlicht am 24.02.2013
75%
Zelluloid ist ein Material, auf dem bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Filme aufgenommen wurden. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet man damit auch einfach Filmaufnahmen. Ausserdem ist es noch der Name dieser Website! ;-)
Ein vielversprechender Achtungserfolg

Eine Kurzfilmkritik von Dipl.-Päd. Fred Maurer auf die junge, hoffnungsvolle Filmemachergeneration - z.B. auf Christian Witte (Regisseur, Drehbuchautor) und den Schauspieler Martin Hentschel

Das Subgenre des Kurzfilms wird zunehmend künstlerisch ernst genommen: Denken wir nur an den mit einem Oscar bedachten Holocaust-Kurzfilm "Spielzeugland" von 2007 (absolut lesenswert: die Filmkritik von Alexander 'Heinz' Jachmann
Die sprichwörtliche Kürze des Kurzfilms bedingt im Idealfall eine mehrdimensionale Reduktion, wenn sie nicht zu einer filmästhetischen Verkürzung führen soll: zugunsten einer begrenzten Zahl der handelnden Personen, einer überschaubaren Handlung, der symbolischen Andeutung und thematischen Aussparung.
Sodann kann er sich allen Filmgenres zuwenden - auch (wie hier) dem Krimi.

Bei dessen surrealem Plot (als 'ursächlicher Zusammenhang eines vorgestellten Ereignisverlaufs zu einem bestimmten Ende') ist mir spontan Franz Kafka eingefallen, der gerade mit seinen Kriminalerzählungen (z.B. der kryptischen Kriminalkurzgeschichte "Der Brudermord" und seinem Romanfragment "Der Prozeß" als Kriminalparabel) zweierlei schafft: uns mit einem ungelösten Rätsel um eine existenzielle Katastrophe mutterseelenallein lassen und es uns tagelang nicht mehr aus dem Kopf geht, geradezu verfolgt.
Christian Witte, Regisseur, Drehbuchautor und Darsteller in Personalunion, sowie der mit ihm befreundete Hauptdarsteller Martin Hentschel haben diese Übereinstimmungen und Koinzidenzen wohl mitbedacht, erwägen womöglich, auf dieser filmadäquaten Schiene weiterzufahren: Viele Erzählungen Kafkas mit kriminalistischem Kern sind trotz ihrer spür- und greifbaren Nähe zu ausdrucksstarken Bildern bislang unverfilmt und mit dieser eigenen 'kafkaesken' Kriminalstudie geben die jungen Filmemacher gewissermaßen ihre respektable Visitenkarte ab.
Martin Hentschel schrieb mir hierzu aufschlussreich "zur Interpretation der Handlung: Jonas und Andreas sind beide Verbrecher (Mörder), deshalb die Fahndungsfotos und die Landkarte mit den roten Kreuzen, welche Tatorte markieren sollen, am Ende. Es ist auch nicht klar, ob wir uns bei der Frau, die unter den Hammerschlägen stirbt, in der Gegenwart oder in der Vergangenheit befinden, da Christian (der Drehbuchautor und Regisseur) die Handlung nicht chronologisch erzählt. Ich finde die diversen Interpretationen und Ungereimtheiten, die sich im Zusammenhang mit diesem Film stellen, äußerst spannend, denn genau das wollte Witte erreichen..."
Alle Rätsel sollten sich also gar nicht lösen lassen.

Zum Inhalt (siehe 'Filmstarts'): "Ein kleines Provinz-Dorf in der DDR. Jonas lebt gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Andreas in einem der wenigen Anwesen. Es ist der 9. November 1989, eben wird im deutschen Rundfunk die Öffnung der Berliner Mauer bekannt gegeben. Jonas, ein linientreuer, ehemaliger Volkskorrespondent (also der freie Mitarbeiter einer DDR-Zeitung), wird von der Nachricht schwer getroffen. Er verlässt überstürzt das Haus und irrt ziellos umher. Erst nach Tagen kehrt er zurück und trifft im Wohnzimmer ihres Hauses auf seinen Bruder. Dieser hat den Idealen der DDR inzwischen scheinbar ganz abgeschworen und sich dem westlichen Kapitalismus hingegeben. Wutentbrannt greift Jonas zur Waffe - und tritt damit eine Welle der Gewalt los..."

"Die heimlichen Wunden" sind eine symbolträchtige Metapher für die in einer weniger gemäßigten denn raffinierten Diktatur unbemerkt erlittenen Deformationen und Destruktionen, die sich nun in der ungewohnten und unhandbaren Freiheit ein mörderisches Ventil schaffen; sie entlarven die Paradoxie einer unvermutet über sie hereinbrechenden Befreiung, mit der tatsächlich zahlreiche Bürger der 'neuen Bundesländer' nicht zurechtgekommen sind.
Die Schlichtheit der wenn auch grausamen Thrillerhandlung, der (Hand)Kameraführung, die Sprachlosigkeit der jeweils tragischen Protagonisten, die Symbolik des vereisten Sees sind starke Ausdrucksmittel.
Der über ihnen schwebende Surrealismus, der das Traumhaft-Unwirkliche, die Untiefen des Unbewussten auszuloten und den durch die menschliche Logik begrenzten Erfahrungsbereich durch das Phantastische und Absurde zu erweitern versucht, entzieht sich einer rationalen Interpretation, die auch in diesem Fall zum Scheitern verurteilt wäre.
Dennoch leuchtet zunächst der bestialische Brudermord nicht ein: Jonas, offenbar wie ansonsten eher nur wenige begeistert von dem sozialistischen Unrechts- und Bankrottstaat der Noch-DDR, müsste zahllose Morde begehen, wenn er daran verzweifelt, dass viele seiner Landsleute nach Jahr(zehnt)en der Entbehrung und Enttäuschung "den Idealen der DDR inzwischen ... abgeschworen und sich dem westlichen Kapitalismus hingegeben" haben (der ja auch Freiheit, Gerechtigkeit, partielle Selbstverwirklichung beinhaltet).
Wieso verfolgen ihn, den gewissenlosen Brudermörder ohne einleuchtendes Motiv, aus dem Off wie ein deus ex machinal auftauchende "Unbekannte" (so die Film-Homepage), die - sie sind eben keine Polizisten - doch nichts von dem häuslichen Mord wissen können? Und weshalb nehmen sie den Mörder nicht einfach fest und übergeben ihn der Justiz, sondern "durchsieben" ihn ihre im Blutrausch abgefeuerten Kugeln? Wie kann der tödlich Getroffene dennoch rasputinartig zu fliehen versuchen, ehe er per Kopfschuss liquidiert wird? Was sollen sodann die Fahndungsfotos der beiden Ermordeten (auch wenn womöglich beide Mörder sein sollten)?

Mein Fazit also: "Die heimlichen Wunden" ist ein bedenkenswerter, wenn auch teilweise in seiner achronischen Unlogik und mangelnden Stringenz bedenklicher Kurzfilm, zu dem die Abwandlung des berühmten Brecht-Zitats passt, mit dem Reich-Ranicky einst sein 'Literarisches Quartett beschloss: "Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen."
Ich bin freilich sicher: Das junge Filmteam um Christian (und Iris) Witte sowie Martin Hentschel auf dem Weg zum Charakterdarsteller werden uns mit ihren nächsten Projekten bald einige Antworten liefern - auch jene existenzielle, ob sich von solcher Kunst leben lässt (und nicht nur für sie).
Für diesmal ist ihnen ein vielversprechender Achtungserfolg gelungen.
Noch ein bisschen entfernt von dem großen Dramatiker des 20. Jahrhundert könnte der Schlussvers also auch lauten:
"Und so warten wir gespannt / auf die nächste Meuchelhand..."

Wenn sich unsere jungen und ehrgeizigen Filmfreunde nicht sogar von diesem (in guter Zelluloid-Tradition) abschließenden Kriminalgedicht inspirieren lassen, wobei bewusst offen bleibt - es werden noch Wetten angenommen -, ob es vom 'jungen Herrn B.' stammt oder doch vom in die Jahre gekommenen, doch immer mal wieder spitzbübig augenzwinkernden Verfasser dieser Filmbetrachtung.

'Mordlust

Wer mit krankem Herzen besser sieht
Als mit seinen kurzsichtig zusammengekniffenen Hühneraugen
Dessen böse Seele fühlt auch intensiver
Als seine platten Schweißfüße sein Schweinebauch
Seine gichtigen Hände jemals spüren könnten -
Das ist der Sumpf aus dem die Mörder tückisch kriechen'

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