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Kritik von Andreas Bückle zu 'Juno'

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Partner von Fantastic Zero
Kritik von Andreas Bückle
veröffentlicht am 11.12.2008
60%
Bei manchen Filmen fällt es enorm schwer, eine Punktzahl zu geben. Am liebsten würd ich zu diesem Film meine Kritik schreiben und dabei ganz einfach keine Prozentzahl eingeben. Sei's drum, "Juno" ist ein mit (für meinen persönlichen Geschmack) befremdlichem Humor durchsetzter, nachdenklich machender Film und trotz der entsprechenden Promotion keine Komödie.

In einer verschlafenen, langweiligen Kleinstadt in den USA: Die 16-Jährige Juno (Ellen Page) schläft aus eben dieser Langeweile mit Bleeker, ihrem Freund. Prompt wird sie schwanger. Da ihr ziemlich schnell klar wird, dass sie und ihre Familie, bestehend aus ihrem Vater (J.K. Simmons, bekannt als Jonah Jameson in "Spider Man"), ihrer Stiefmutter (Allison Janney) und ihrer kleinen Schwester, das Kind kaum aufnehmen können, sucht sie kurzerhand per Anzeige mögliche Adoptiveltern. Tatsächlich findet sie auch ein Paar, das sich nichts sehnlicher zu wünschen scheint als ein Kind. Alles scheint so gut zu laufen.

Langeweile ist ein sehr wichtiger Bestandteil von "Juno". Der Film spielt vermutlich in einer Stadt, die so langweilig und spießig ist (und ebenso auch inszeniert ist), dass Sex hier eine willkommene Abwechslung darstellt. Anders aber, als ein Teenie-Film das Thema aufziehen würde, blendet "Juno" - und das sollte man dem Film hoch anrechnen - diese Aspekte (Vorurteile?) des typischen Bildes von High School, Abschlussball, Zickenkrieg, Jagd auf Frauen und dergleichen weitgehend aus. Die Kleinstadt, in der Juno lebt und in der gleichnamige Film spielt, ist also auch ein Spiegelbild der Menschen, die dort wohnen: eingesessen und eigentlich weitgehend friedlich. Da platzt Junos Schwangerschaft irgendwie unangenehm dazwischen. Und auch ihr Freund - oder eigentlich "nur" ihr bester Freund? - Bleeker kann mit der Situation so rein gar nichts anfangen. Eigentlich ist er schon viel zu schüchtern, um mit Juno gescheit zusammenzukommen. Entsprechend feinfühlig sind dann auch die Szenen inszeniert, in denen Juno und Bleeker zueinander finden. Um es mit Junos Worten auszudrücken: "Die meisten Menschen werden eigentlich erst glücklich miteinander und pflanzen sich dann fort. Bei uns war es eben umgekehrt."

Und hier kommen wir zu dem Punkt, an dem ich persönlich mich leider von einer höheren Bewertung für "Juno" verabschieden muss: der Humor. Es ist überhaupt gar nicht die Tatsache an sich, dass mit dem Thema Teenie-Schwangerschaft humorvoll umgegangen wird - im Gegenteil, das ist das Beste, was man machen kann - sondern es ist einfach die Art des Humors. Aber wie eine Kumpelin von mir nach dem Film gemeint hat, liegt es hier vielleicht auch einfach daran, dass die deutsche Synchronisierung (wie bei den meisten Filmen, die viel US-amerikanischen Jugendslang beinhalten, z.B. "Dreizehn") einfach zu platt rüberkommt, um den ursprünglichen Humor von "Juno" auch in deutsche Ohren und Köpfe zu transportieren.
Dennoch hat mir persönlich der Humor so gar nicht zugesprochen, und wenn man eben da sitzt und nicht lacht, während der Rest des Publikums bei jedem der (zugegeben) knackigen Oneliner von Juno kaum mehr zum Luftholen kommt, hat man dem Film vermutlich weniger abgewinnen können. Macht aber eigentlich gar nichts, denn die Stärken von "Juno" (und auch die sehr gute generelle Kritik, die er bekommen hat) liegen woanders. Interessanterweise ist es die für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominierte Ellen Page, die dem Film neben den (un)humorvollsten Szenen auch die gefühlvollsten und ruhigsten bietet.
Wenn sie nach der Geburt mit ihrem Freund im Bett liegt und in der Parallelmontage an die Adoptivmutter ihres Kindes (Jennifer Garner) denkt, die das, was sie sich immer gewünscht hat, nämlich ein Kind - Junos Kind - in den Händen hält, sieht, dabei anfängt zu weinen und zärtlich Bleekers Hand nimmt, oder wenn sie mit dem Adoptivvater ihres Kindes über dessen nie wahrgewordene und nie gelebte Träume spricht, dann hat der Film so etwas wie eine zwischenmenschliche Botschaft, die im Grunde keiner Worte mehr bedarf, um sie zu vermitteln.
Es sind dann einige dieser in meinen Augen so erlesenen Momente des Kinos, in denen viel Inhalt durch wenig Worte den Zuschauer erreicht. Wenn man den Film genauer anschaut, geht es ihm auch gar nicht um das Thema Teenie-Schwangerschaft, sondern um etwas anderes. Der Handlungsverlauf in "Juno" ist bei genauerer Betrachtung eigentlich nur ein Vehikel für viele kleine Aussagen über zwischenmenschliche Beziehungen. Man muss eine ungewollte Schwangerschaft bei Minderjährigen nicht erlebt haben, um zu wissen, dass kaum eine Familie dieses 'Missgeschick' so offen, locker und - von Anfang an - konstruktiv aufgenommen und verarbeitet hätte wie Junos Familie. So ein Gedanke ist leider Wunschvorstellung, erst recht in einem vor Prüderie nur so strotzenden Vorstadtmilieu wie dem Setting von "Juno", ein Milieu, in dem auch Sam Mendes' "American Beauty" zu spielen scheint.
Es geht "Juno" nicht um die Aufarbeitung von Schwangerschaft, sondern vielleicht eher um die Frage, wie zwischenmenschliche Beziehungen sich mit der Zeit verändern und mit großen Anforderungen, die alles umkrempeln, umgehen. Ebenso ist Junos Charakter zwar irgendwie erfrischend, aber auch ebenso fiktiv und leicht überzeichnet, was Ellen Pages Leistung als Schauspielerin allerdings keinerlei Abbruch tut. Hinzu gesellt sich der angenehm unorthodoxe, anti-mainstream-lastige Soundtrack, der "Juno" zwar nicht zu einem Must-, aber auf jeden Fall zu einem Should-See des Kinojahres macht. "Juno" ist ein Film, der einen gerade in den Szenen, in denen er nicht witzig ist, zum Lächeln bringt.

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