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Kritik von Anja Stürzer zu 'Total Recall'

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Partner von Fantastic Zero
Kritik von Anja Stürzer
veröffentlicht am 15.08.2012
65%
Ein Remake ist eine Neuverfilmung eines bereits existierenden, meist mehrere Jahrzehnte älteren Films.
"Total Recall" ist ein passables Remake des gleichnamigen, für seine Trickeffekte ausgezeichneten Paul-Verhoeven-Films von 1990, der lose auf der Kurzgeschichte "We Can Remember It For You Wholesale" ("Erinnerungen en gros") von Philip K. Dick beruht. Obwohl die Drehbuchautoren Kurt Wimmer und Mark Bomback diese philosophische Short Story teils wörtlich zitieren, orientieren sie sich in Sachen Figurenkonstellation, Handlung und Actionlastigkeit eher an der filmischen als an der philosophierenden literarischen Vorlage. Diese liefert in beiden Filmen lediglich die Ausgangssituation:

Der mehr oder weniger glücklich verheiratete Arbeiter Douglas Quaid (Colin Farrell, der hier in die übergroßen Fußstapfen Arnold Schwarzeneggers tritt, in Sachen entblößter Oberkörper aber auch einiges zu bieten hat) träumt davon, seinem ereignislosen Leben zu entkommen. Da er sich dies nicht leisten kann, will er sich bei einer Firma namens Rekall künstliche Erinnerungen einpflanzen lassen, in denen er als Geheimagent agiert. Während des Eingriffs stellt sich heraus, dass mit Quaids Erinnerungen schon herumgepfuscht wurde. In der Folge verlässt ihn seine Frau Lori (Kate Beckinsale, die ebenso wie ihre Vorgängerin Sharon Stone mal richtig schön fies sein darf), er wird vom Geheimdienst gejagt und offenbart ungeahnte 'martialische' (Mars ist ja bekanntlich der Gott des Krieges) Fähigkeiten, die ihn zum Actionhelden und potentiellen Retter der Welt werden lassen.

Soweit die Gemeinsamkeiten. In der Tat macht es Spaß, die drei Versionen des Stoffes zu vergleichen. Zunächst fällt auf, dass Regisseur Len Wiseman den Trip zum Mars und damit die kunterbunte Exotik des Vorgängerfilms gestrichen hat (obwohl in einem Dialog amüsant auf einen Arbeiter "aus Schicht Drei" angespielt wird, der mit Rekall auf dem Mars war und seither nicht mehr ganz dicht ist). Die geheime Marsmission des Helden, die bei Dick in der Vergangenheit liegt, wurde von Verhoeven seinerzeit actionreich in die filmische Gegenwart verlagert, was ihm die Möglichkeit bot, ein ambivalentes Spiel mit der Realität zu treiben: Ist das, was Schwarzenegger-Quaid als Geheimagent auf dem roten Planeten erlebt, real oder ist es lediglich die künstliche Rekall-Geschichte, an die er sich nach dem Aufwachen erinnern wird? Diese Frage bleibt für Held und Zuschauer offen (auch wenn die Weißblende am Ende die Fiktion suggeriert)."

In Wisemans aktueller Version wird das Spiel mit der Realität dagegen, wie übrigens auch bei Dick, relativ schnell und eindeutig aufgelöst. Das tut der Action keinen Abbruch, mindert allerdings die Möglichkeiten des Zuschauers, sich emotional mit dem Helden zu identifizieren. Dessen Aufgabe besteht hier weniger darin herauszufinden, wer er ist, sondern klassisch postmodern darin, sich zwischen gut und böse zu entscheiden. Damit das auch jeder merkt, fallen Sätze wie "It is each man's quest to find out who he is" oder "I may not remember who I was, but I know who I am". Die moralische Botschaft lautet: Was wir sind, entscheiden wir durch unser Handeln in der Gegenwart; was wir waren, ist letztlich irrelevant, eine Illusion oder eben ein Konstrukt. Mit Philip K. Dicks Geschichte hat das übrigens nicht mehr viel gemein.

Aber zurück zum Filmvergleich: In beiden Versionen bekommt es der Held mit dem skrupellosen Tyrannen Cohaagen (Bryan Cranston) zu tun, der es auf die unterprivilegierte arbeitende Bevölkerung abgesehen hat. Bei Verhoeven haust diese auf dem Mars, bei Wiseman auf der anderen Seite der Erde, in der "Kolonie" Australien, deren Set optisch dem (ebenfalls auf einer Dick-Geschichte beruhenden) Klassiker "Bladerunner" entsprungen scheint. Überhaupt strotzt Wisemans Film vor Anspielungen auf die großen Science-fiction-Filme: Wer sich in dem Genre auskennt, wird mühelos 3-D-Städte aus "Das Fünfte Element", Kampfroboter aus "Star Wars", Flugautos aus "I, Robot" und diverse andere Zitate erkennen.

Neu dagegen und darum aufregend ist das tricktechnische Herzstück von "Total Recall": Ein "The Fall" genannter, riesiger Monster-Aufzug, der die beiden verbliebenen Lebensräume auf den einander gegenüber liegenden Erdteilen miteinander verbindet, und dessen Schacht mitten durch den glühenden Erdkern führt. Mit diesem Raketen-Aufzug reisen interkontinentale Arbeitspendler täglich als Gastarbeiter aus dem Ghetto am anderen Ende der Welt in den reichen Westen. Das ist schon eine beeindruckende, in ihrer visionären Absurdität an Jules Verne erinnernde Idee, die den ganzen Film auch als Metapher trägt.

Denn natürlich lässt sich "The Fall" auch mit "Der Sündenfall" übersetzen, der sich hier als sehr modernes Konglomerat aus Technikgläubigkeit, globaler Ausbeutung und Krieg darstellt. Der klaustrophobische Sauerstoffmangel des früheren Films, in dem um die Möglichkeit einer eigenen Atmosphäre für die Marskolonie gekämpft wird, hat seine Entsprechung in der Idee eines weltweiten chemischen Krieges, der weite Teile der Erde unbewohnbar gemacht hat. Übrig geblieben sind nur noch die Vereinigte Gemeinschaft Großbritanniens, sprich das reiche Europa, das nach weiterem Lebensraum giert, und eben die asiatisch anmutende, im sauren Dauerregen dahinvegetierende Kolonie, in der ein Häuflein Aufständischer nach Freiheit und Unabhängigkeit trachtet.

Zu diesen gehört die zweite Frau an Quaids Seite, die Rebellin Meline, gespielt von Jessica Biel, die (anders als seinerzeit die Puerto-Ricanerin Rachel Ticotin) Quaids Ehefrau vom Typ her so ähnlich sieht, dass man die beiden Frauen beim obligatorischen Zickenkampf kaum auseinander halten kann - und es mal wieder bedauert, dass Ripley abgetreten ist und in Zeiten der Haarteile und obligaten Schönheitschirurgie Frauenpersönlichkeiten wie Sigourney Weaver, Tilda Swinton oder Meryl Streep immer seltener auf der Leinwand zu sehen sind.

Als Fazit sei es erlaubt, hier die auch auf das Remake durchaus zutreffende Rezension des Filmdienstes von 1990 zu zitieren, deren negative Einschätzung des Verhoeven-Films man allerdings, wenn man das Genre mag, nicht unbedingt teilen muss: "Im Jahr 2084, als die Erde technisiert und der Mars kolonialisiert ist, muß ein muskulöser Bauarbeiter entdecken, daß in seinem Körper das Wissen eines Geheimagenten um die verbrecherische Beherrschung des Mars und seiner Bevölkerung schlummert. Als Retter des fernen Planeten gerät er auf der Flucht vor den Verfolgern von einer Gewaltfantasie in die nächste. Seine tricktechnischen Leistungen sind die einzige Originalität des inhaltlich epigonalen und uninspirierten Films, der die wirre Erlösergeschichte um falsche Identitäten lediglich ausbreitet, um eine rabiate Action-Maschinerie zu entfesseln."

Solide Unterhaltung, eben.

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