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Kritik von Timo Kiessling zu 'Operation - Broken Arrow'

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Kritik von Timo Kiessling
veröffentlicht am 04.05.2010
50%
"Mission: Impossible 2", "Windtalkers", "Paycheck - Die Abrechnung" - was John Woo nach seiner glorreichen Hongkong-Zeit in Hollywood fabrizierte, löst metallische Assoziationen aus. Denn eigentlich war fast alles: Schrott. Abgedroschener Schrott, oftmals von Kompromissen begleitet, die Woo mit dem Studio eingehen musste, um auch seine letzten Tugenden der Cashcow zu opfern, um seinen sonst so prägnanten Stil mit phantasievollen Blutbädern und überbordenden Schusswechseln einem westlichen Publikum anzupassen. Nach dem an der Kinokasse gefloppten, aber durchaus mit Woo'scher Härte kokettierendem und handwerklich gewohnt stimmigem "Harte Ziele" brauchte Woo drei Jahre, um seinen nächsten Spielfilm zu realisieren. Dabei markiert "Operation - Broken Arrow" weniger einen ernsthaften Konkurrenten für "Harte Ziele" (für den grandiosen "Im Körper des Feindes" ohnehin nicht) als vielmehr den leisen, traurigen Abstieg des ehemaligen "Mozarts der Zerstörung" zum "Beethoven der Weichspülware". Nur in einem Punkt sind sich "Harte Ziele", "Operation - Broken Arrow" als auch obige Machwerke einig - ihnen fehlt es weitgehend an jenen Motiven, für die man den Regisseur schätzt, für die man ihn gar zu einem der besten seines Fachs zählt. Diese Actionfilme sind Actionfilme, von denen man nicht erwarten würde, sie wären von John Woo gemacht. Sie sind erstaunlich inhaltarm, leer, ohne Seele, Kompromissfilme eben.

Unter hiesigen Vollblutgenrefreunden könnte "Operation - Broken Arrow" - und hier bleibt sich Woo seiner Linie trotzdem irgendwo treu - angesichts seiner grotesk bleihaltigen Prämisse möglicherweise schnell für epische Testosteron-Ausstöße, wallenden Blutdruck und brachiale Herzschläge sorgen, von intensiven Ejakulationen mal ganz abgesehen. Denn John Woos Actionmanifest zerstört alles, was man sich vorstellen kann. Da werden eine nicht gezählte Anzahl an Kampfhubschraubern in die Luft gejagt, normale Helikopter, Züge sogar auch, Hummer-Fahrzeuge selbstverständlich, 2 Milliarden Dollar-Stealth-Bomber, außerdem eine ehemalige Kupfermiene samt halb Nevada mithilfe einer Atombombenexplosion. Gekämpft wird unter Wasser, in der Luft, unter Tage, im Auto. Verfolgungsjagden, Prügeleien, Schusswechsel. John Woo schöpft aus dem Vollen, fährt schwere Geschütze auf, alles, was zählt, ist ein möglichst hoher Materialverschleiß. Die Funken müssen sprühen. Eingebettet in eine Handlung, die so stereotyp wie banal daherkommt, tangiert sie doch jene ausgelutschte Weltrettungsschose, wie man sie in jedem zweiten Genrefilm vorzufinden vermag.

Während Woo damit seine Inszenierung überaus offensichtlich über den Inhalt stellt, ist es dennoch bemerkenswert, wie wenig Woo bei näherer Betrachtung wirklich im Film steckt. Des Regisseurs geradlinige (außer einem veritablen Twist), auf ausgetretenen Pfaden vegetierende Wüstenhatz - und nichts anderes repräsentiert "Operation - Broken Arrow" - beinhaltet weder weiße Friedenstauben (auch wenn das Szenario kein geeignetes darstellt), noch blutige Einschüsse. Der Versuch, ein R-Rating auf Teufel komm' raus zu erhaschen, ist also mehr oder weniger in jeder Szene spürbar. Selbst Woos Lieblingsthemen aus seinen Heroic Bloodshed-Werken, als er noch den Spagat zwischen Handlung und Action beherrschte, wo sich beide Dinge miteinander ergänzten, Themen um Männerfreundschaft, Loyalität und Verrat werden zwar auch hier peripher angerissen, aber längst nicht so tiefgründig thematisiert, weil die zwischenmenschlichen, zumeist melancholischen Momente schlicht vergessen wurden. Lediglich im mehrstufigen Showdown auf dem Zug meint man, John Woo endlich wiederzuerkennen, respektive seine wahnwitzigen Choreographien, sein Gespür für perfektes Timing und seine Vorliebe für opulente Pyrotechnik, was in Anbetracht restlicher Actionsequenzen allerdings ein wenig schwach ist. Diese sind solide in Szene gesetzt (vor allem die Detonation der Nuklearwaffe samt vorangegangenem Feuergefecht; ja, hier passiert sowas tatsächlich), machen Spaß, aber letztlich derart austauschbar - überraschenderweise ohne viel hochstilisierte Zeitlupe und obligatorischer Mexican standoffs -, dass sie von jedem anderen stammen könnten.

Jene Art obskurer Unkreativität spiegelt sich ebenso in den Dialogen wider. Nicht, dass Woos Filme bisher durch geschliffene, hochphilosophische Gespräche auffielen, in "Operation - Broken Arrow" ist es gleichwohl ärgerlicher. Stets schwankend zwischen lächerlicher Infantilität ("Ich weiß, du stehst drauf, die Macht Gottes in Händen zu halten. Das macht dich total an."), unfreiwilliger Komik ("Nicht Schießen!" - "Wo ist er?" - "Keine Aaahnung.") und zumindest annehmbarem Witz ("Ich denke, dass wir mit der Wahrheit besser fahren." - "Mit der Wahrheit? Wie haben Sie diesen Job bekommen.") fungieren sie allerhöchstens als Phrasen, als Lückenfüller, wenn die Munition ihren Geist aufgibt, wenn nachgeladen wird. Und das merkt man.

Darüber hinaus verschwindet die Logik des Öfteren unterm Wüstensand, für dessen Landschaft Peter Levy allerdings ein paar schicke Weitwinkeleinstellungen findet. "Operation - Broken Arrow" lehrt uns unter anderem, dass man es mühelos schaffen kann, einen unterirdischen Fluss minutenlang ohne Sauerstoff zu durchforsten, während im Nacken eine riesige Atombombe tickt, und jeden Schritt des Gegners vorhersehen kann, wenn man lediglich ganz schwer nachdenkt. Dann klappt das schon. Löchrig ist ein euphemistischer Ausdruck für das Drehbuch, geschweige denn seine Baukastendramaturgie. Aber was soll's: Ein Meister physikalischer Gesetze war John Woo ohnehin nie, alles ist darauf ausgelegt, dem Zuschauer abseits aller unlogischen Wahrnehmungen und akrobatisch umherfliegender Akteure Spannung, Bewegung, Hektik zu vermitteln, so als würde jeden Augenblick die Leinwand in Brand gesetzt werden. Löblich hingegen Hans Zimmers dreitönige Musik, die zwar anfangs reichlich nach Ethno stinkt, sukzessive jedoch den Actionoverkill passabel zu illustrieren weiß, wenngleich einem der Score beziehungsweise etwaige Motive - bei dem Komponisten eh keine Überraschung - irgendwo in anderer Form irgendeines seichten Blockbusters begegnet, für den Hans Noten aufs Papier gezimmert hat.

Für John Travolta bedeutete "Operation - Broken Arrow" eine Art Aufwärmrolle für "Im Körper des Feindes", wo er den eitlen, schier größenwahnsinnigen und zweifellos egozentrischen Soziopathen noch eine Spur schräger interpretierte. Doch selbst in "Operation - Broken Arrow" wirkt Travolta in seiner Standartrolle des bad guys überzeugend. Major Vic "Deak" Deakins lässt sich durch nichts aus der Rolle bringen. Unvorhergesehene Ereignisse, ungeahnte Todesfälle aus den eigenen Reihen, die kläglichen Versuche, Kollege Captain Riley Hale (Christian Slater) zu eliminieren - egal, "Deak" quittiert es mit einem trockenen Spruch, wenn's brenzlig wird, dann schon mal mit einem zynischen Lächeln, nachdem kurz zuvor die Zigarette irgendwo herausgeholt wurde, die Floskeln, Gestiken und Mimiken in stylischer Verpackung also, das kennt man von Travolta und hat es mittlerweile lieben gelernt. Insbesondere in den leider zu wenigen Szenen, als sich Deakins mit dem nervigen Auftraggeber (Bob Gunton) anlegt, vermag man Travoltas Talent zu erkennen, solche Rollen adäquat auszufüllen. Motto: Immer gelassen bleiben, immer eine gute Figur machen, cool muss es sein!

Ganz anders Christian Slater, der einen weiblichen Gegenpart (Samantha Mathis) zur Seite gestellt bekommt. Während Slater im Gegensatz zu Travolta sowohl schauspielerisch als auch charakterlich blass bleibt, und Selbiges mühelos auf den deplazierten, nichtssagenden Part Mathis' transferiert werden kann (in einem von Männern und ihren Spielzeugen gänzlich dominierten Film bedarf es keiner bemühten Implementierung einer sensiblen Heulsuse, die plötzlich, man schaue an, zur kämpferischen Amazone avanciert), wird Slater im Laufe der Handlung allerdings stärker, sarkastischer, sicherer, verkörpert de facto mehr und mehr den ebenbürtigen Gegner für Deakins, auch wenn die meisten Figuren (beispielsweise Deakins dumme und somit klischeehafte Gang, welche auf eine Atombombe schießt, ohne sich Gedanken zu machen, was eigentlich passieren könnte) von einer zähflüssigen Eindimensionalität zugekleistert werden, beide Hauptakteure nicht unbedingt ausgenommen.

"Operation - Broken Arrow" ist Actionspektakel, geizt gewiss nicht mit optisch ansehnlichem Repertoire aus der explosiven John Woo-Munitionskiste, hat einen glänzend aufgelegten John Travolta und einen weniger glänzenden, dafür zunehmend zufriedenstellenden Christian Slater. Hier wird geschossen und geschlagen und alles zerstört, was man in der Wüste vorfindet, Woo montiert Höhepunkt auf Höhepunkt auf Höhepunkt, eine Narration eines konventionellen Drehbuchs, das zumindest den Eindruck erweckt, es existiere gar nicht. Darin liegt Woos Fehler fast aller amerikanischen Produktionen: Allzu risikofrei suhlt sich der Regisseur im handelsüblich zusammengebackenen Genrebrei, bewegt sich brav zwischen den Rändern, statt einen Schritt (oder gleich alle zwei) über die Grenzen der Schüssel hinaus zu wagen. Das Herz fehlt. Und dabei hat doch in Hongkong alles so wunderbar geklappt.

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