"Hannibal" von
Ridley Scott
gesehen am 05.09.2012 auf DVD
Eins steht für mich fest: Dieser Film wird nicht in die Annalen des Kinos eingehen. Sein Vorgänger hingegen schon. Das "Schweigen der Lämmer" (1991) von Jonathan Demme war ein geradezu magischer Blick auf das Schwarze in der menschlichen Seele aus einem Guss: ein Meisterwerk der Filmkunst. Der Fortsetzungsfilm "Hannibal" hingegen laviert unsicher zwischen Polizeifilm, Psychostreifen und Horrorfilm, am Ende sogar fast schwarze Komödie. Das ist mir dann doch zu viel des Guten.
Ridley Scott schafft es für mein Dafürhalten nicht, Interesse an dieser Fortsetzungsgeschichte in mir zu wecken. Das liegt einerseits am Drehbuch, andererseits an der Hauptdarstellerin Julianne Moore als Clarice. Diese soll Jodie Foster doubeln, die zehn Jahre nach dem Erstfilm anscheinend keine Zeit für dieses Projekt hatte oder haben wollte. Und so schleppt sich Moore angestrengt und ernsthaft als "starke Frau" durch den ganzen Film, wohl wissend, dass man Foster nicht toppen kann - nicht in dieser Rolle. Aber auch Mafia-Star-Schauspieler Ray Liotta, diesmal als FBI-Oberer, wirkt nur wie Staffage. Er hat eigentlich nichts zu tun in diesem Streifen, außer einmal auf Clarice' Beine gucken zu dürfen. Im Finale wird ihm der Schädel wie ein Frühstücksei vom Kannibalen geöffnet und ein Stück seines eigenen Gehirns zu einem Schluck Weißwein kredenzt. Da weiß man nicht, ob man lachen oder sich gruseln soll. Ein Hybrid-Film.
Regisseur Scott ahnte wohl das kommende Desaster und versuchte im Schnitt (oder sollte ich sagen in der "Postproduktion") die Story anzuschärfen und zu mystifizieren. Doch diese Versuche zeigen nur, welche Mühe der "Alien"-Regisseur mit seinem Material hatte. Kleine Schachtelmontagen (FBI-Büro/ Autofahrt zum Schloss des Bösewichts), die drohende Langeweile kaschieren sollen, oder seltsam anmutende Ellipsen (im Geschirrladen), die nach Kürzung aussehen, einen aber eher verwirren, helfen nicht weiter. Zu durchsichtig und bieder wälzt sich die Story insgesamt voran. Regisseur Scott hat m.E. keine eigene Bildsprache gefunden. Er nimmt, was er kriegen kann. Zu häufig schneidet er zu schnell, weil er seiner Inszenierung nicht recht vertraut. Dann muss wenigstens ein Bild-Wechsel her. Der Film atmet nichts von diesem gruseligen Zauber des Vorgängerfilms, der immer wieder klaustrophobische Urängste in uns wachruft.
Der recht lange Abstecher der Handlung nach Florenz ist wohl als exotisches Zubrot des Films gedacht, macht ihn aber irgendwie schwächer, weil die Hauptdarstellerin schon rein örtlich weit entfernt vom verfeinert lebenden Kunstmäzen und Menschenfresser Hannibal agieren muss, so, dass die Luft langsam aus dem Ganzen rausgeht. Der italienische Polizei-Kommandant (Giancarlo Giannini), der Hannibal des Belohnungsgeldes wegen eigenhändig zur Strecke bringen will, entwickelt sich vorübergehend zur schrulligen Hauptfigur, die für meinen Geschmack dadurch fast zu einem eigenen Film wird. Das bremst die eigentliche Konfrontation zwischen Agent Clarice und Teufel Hannibal über weite Strecken aus. Das ist dramaturgisch sicher gut angedacht, kommt aber nicht so recht rüber bei mir.
Der inhaltlich schwerwiegende Schwachpunkt des Films besteht darin, dass Hannibal Lecter frei ist - und nicht mehr im sicheren Polizeigewahrsam in den USA, wie im Vorgänger-Film. Das ist die Krux an der Geschichte. Die Story kann deshalb nur noch lauten: "fasst den Dieb". Und dadurch bekommt der Film etwas ganz Alltägliches, wird ein ganz normaler Polizeifilm, eben nur zwischen zwei Kontinenten angesiedelt. Hingegen schuf "Das Schweigen der Lämmer" einen sehr persönlichen Mikrokosmos, der die Abgründe der menschlichen Seele offenbarte.
Beide Regisseure, sowohl Demme als auch Scott, sind erfahrene Blockbuster-Leute. Doch für mein Empfinden geht Demme viel sensibler mit seiner Geschichte um. Allein die beiden als kunstvolle Schachtelmontagen herausgearbeiteten Rückblicke in die Jugend von FBI-Agentin Clarice sind reines Kraftfutter für Cineasten. Da taucht man ab in die Tiefen der filmischen Wirkmechanismen, lässt sich fallen, gibt sich dem dichten Treiben auf der Leinwand hypnotisiert hin. Sternstunden des Kino, möchte man sagen. Und Jodie Foster gibt das Ihrige dazu. Genial.
Ridley Scotts Streifen hat nichts von all dem. Er nudelt brav seine auf optische Schrecken orchestrierte, zerfieselte, aber gut voraussehbare Geschichte durch, kann dem Bösen keine eigene Dimension geben, bleibt an vordergründigen Schocks hängen. Da sieht man dann doch, dass Demme der sensiblere von beiden ist - mit dem besseren handwerklichen Rüstzeug.
Die Hannibal-Musik von Star-Komponist Hans Zimmer besteht in meiner Erinnerung fast nur aus Zitaten klassischer Stücke und den üblichen, szenischen Ausschmückungen. Hier also im Prinzip auch Fehlanzeige.
Ich weiß nicht genau, woran es liegt. Aber der Film baut in mir nichts auf, das mich zu einem zweiten Sehen veranlassen könnte. Die Story, die Schauspieler, der Schnitt, die Musik: alle Teile passen irgendwie nicht so recht zusammen. Und da bewahrheitet sich der bekannte Satz wieder einmal, dass ein Ganzes mehr ist als nur die Summe seiner Teile. Film ist wie Wackelpudding. Man weiß nie, wohin er sich bewegt, wenn man ihn anfassen will.
Wertung: 25 Prozent. Man schläft wenigstens nicht ein.