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Kritik von Fred Maurer zu 'Luther - Das Projekt der 1000 Stimmen'

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Kritik von Fred Maurer
veröffentlicht am 12.11.2017
100%
Das ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) ist eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt, die seit April 1963 bundesweites Fernsehen ausstrahlt. Der Sitz des Senders ist in Mainz, neben dem Zweiten gehören dem ZDF unter anderem die Sender 3sat, Phoenix und arte (zumindest teilweise) an.
www.zdf.de

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'Beeindruckende Demonstration christlich-protestantischen Glaubens'

Eine Filmkritik von Fred Maurer zu Ehren seiner zeitgleich verstorbenen Mutter - und mit einer Verbeugung vor den beiden Schöpfern dieser besonderen Kirchen- und Vokalmusik Komponist Dieter Falk und Texter Dr. Michael Kunze

Natürlich weiß ich selbst, diese knapp zweistündige Sendung des ZDF war kein echter 'Film' - dann schon eher dank der Zwischenkommentare Eckhardt v. Hirschhausens (richtig, der vielseitige Doktor) und seiner Interviews u.a. mit Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, dem sympathischen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche, eine Dokumentation - und ganz bestimmt eine beeindruckende Demonstration christlich-protestantischen Glaubens.
Sicher, es hätte sich auch leicht ein Verriss schreiben können, wie Manuel Brug, Klassik-Musikredakteur bei der "Welt", dies so wortgewandt wie manieriert tut, wenn er das Mammutevent als "in süßlichster [!] Pop-Sauce getränkte Schulfunk[!]-Aufführung" abqualifiziert, gar behauptet, "man wähnte sich ... bei einer Scientology-Veranstaltung - so naiv wurde da unbedingter Glaube als [Achtung Alliterationenkette!] Mär von Mensch, Mönch und Mythos [Achtung Kompositum!] gesingpredigt".
Der erfolgreiche Komponist Dieter Falk habe für seine "C-Dur-penetrante, akkordsimple und botschaftstranige, ... nicht enden wollende chorische Mitklatschübung [!] ... das Gospel-, Pop-, Soul- und Swing-Regal geplündert, ... sich zwischen [der Rockoper] 'Jesus Christ Superstar' ... und [dem Musical 'Der Glöckner von] Notre Dame' ... kundig gemacht, um Luther auf den kleinsten gemeinsamen Schunkel-Nenner [!] zu bringen".
Glaube darf, ja soll 'naiv' sein - ganz im Gegensatz zu den ausgeklügelten Praktiken der gefährlichen Sekte Scientology, die ihre Anhänger gezielt manipuliert. Ein solcher Vergleich verbietet sich.
Die musikalischen Sprachen des (anspruchsvollen) Musicals, der Rockoper und des Rock-Oratoriums, des (anspruchsvollen) Schlagers erscheinen mir keineswegs 'süßlich' (und das noch im Superlativ), sondern zugleich dem Zweck (einer Laudatio auf Luther mit gottesdienstähnlichen Elementen) und der außergewöhnlichen Aufführungspraxis (die Beteiligung von Tausenden von Gesangsamateuren) angemessen.
Wer etwas gegen 'Ohrwürmer' hat, sollte erstens versuchen, selber mal einen zu schreiben, und müsste zweitens konsequenterweise Mozarts 'Kleine Nachtmusik' ebenso ablehnen wie die Songs der Beatles oder Schlagerhymnen von Udo Jürgens.
C-Dur ist keineswegs die beherrschende Tonart des Großwerkes (und wäre für den nicht auf das Notenlesen angewiesenen Chor auch gar keine Erleichterung, während die Gesangs- und Instrumentalprofis an mehreren Vorzeichen keineswegs scheitern, sondern sich ihrer und dieser Abwechslung erfreuen); vielmehr wirkt die Musik aufgrund ihrer Tempowechsel, der Vielzahl an musiktheatralischen Formen (Solo gegen Chor, 'Rezitative', Instrumentalzwischenspiele, moderne Choräle und Hymnen etc.), breiter klanglicher Varianz (zwischen dem Pianissimo eines Sängers / Soloinstruments und dem gewaltigen Fortissimo-Tutti aller musikalisch Beteiligten), ausgefeilter Harmonik (von wegen nur drei Akkorde, mit der die meisten Durchschnittsschlager auskommen!) und eben auch einem Quintenzirkel-durchdachten Tonartwechsel (Dur, Moll, Kirchentonarten) vielfältig, abwechslungsreich, spannend - auch wenn wir manche melodische Wendung so ähnlich schon einmal gehört zu haben glauben: Eklektizismus (hier das absichtliche Mischen mehrerer Musikstile) ist zum einen Merkmal des Musicals, zum anderen von Großprojekten, an dem auch Laien mitwirken können sollen.
Gegen das (gelegentliche) Mitklatschen des Publikums ist gerade im Sinne des angestrebten Gemeinschaftserlebnisses und Wir-Gefühls nichts einzuwenden; ge'schunkel't hat allerdings wirklich keiner.
Auch der Vorwurf der Gigantomanie lässt sich entkräften: Natürlich ließe sich das Werk auch mit einem einzigen gemischten, zudem semiprofessionellen Chor aus 50 geübten Kehlen wirkungsvoll und stimmgewaltig aufführen.
Entscheidend ist hier jedoch der sozialpädagogische Aspekt: dass auch Nicht- oder Gelegenheitssänger gemeinsam mit echten Profis (Musicaldarsteller, Berufsmusiker des Pop / Rock und der Klassik) mitwirken können und sich selbst mit einem lebenslang bleibenden Erlebnis beschenken - was hier zudem en passant ihren christlichen Glauben stärkt.
Den hochbegabten und eminent fleißigen Machern dieses besonderen Oratoriums gelingt die Quadratur des Kreises zwischen künstlerischem Anspruch und einer eindrucksvollen Schlichtheit, die tatsächlich an die ganz Großen der klassischen Musik erinnert: Vielleicht wird in wenigen Jahrzehnten dieses moderne Oratorium in einem Atemzug mit Bachs Messe in H-Moll und Totenmessen von Mozart (sein letztes Werk, von einem Schüler vollendet), Brahms ("Ein deutsches Requiem") oder Webber (1985, nach seinem Musical "Cats" und kurz vor seiner opernaffin-'musical'ischen Adaptation des Romans "Das Phantom der Oper") genannt werden.

Bei meiner Einschätzung habe ich mich um Objektivität, Fairness und Gerechtigkeit bemüht - auch vor dem Hintergrund der eigenen bescheidenen Möglichkeiten als Schulmusiker und Deutschlehrer, der fast zeitgleich für die Schultheaterbühne mit Kindern eine berühmte Ballade (Fontanes "Ribbeck") inszeniert hat.
Anlass war dennoch eine subjektive Erfahrung, die wir Kinder unserer Eltern irgendwann schweren Herzens machen müssen: deren Tod, die Trauer, die Beerdigung.
(Weit schlimmer ist sicherlich, wenn Eltern ihren Sohn, ihre Tochter beerdigen müssen.)
Meine Mutter starb (nach kurzer Leidenszeit, am Ende eines erfüllten 93-jährigen Lebens) am Tag vor dem Reformationsfest, was meine Rezeption dieses Pop-Oratoriums (partiell eben auch als Requiem) sicherlich mitbeeinflusst hat.
Ihr sei mein kleiner Text von Herzen gewidmet.
Wir haben uns angemessen von ihr verabschieden können. Vor wenigen Wochen hatten wir (bereits an ihrem Totenbett) zum letzten Mal mit einem Piccolo gefeiert, wovon sie ihr Leben lang geträumt hatte: dass ihr Sohn irgendwann nach einigen Rückschlägen, doch noch zu ihren Lebzeiten promoviert.
Sie wusste auch um das sonstige Glück unserer kleinen Familie (Ehefrau, Sohn, dessen Lebensgefährtin, deren Eltern) und starb zwei Stunden nach meinem letzten Besuch mit einem Lächeln auf den spröden Lippen.
Vielleicht war auch dieses letzte Zeichen ein kleiner Gottesbeweis.
Genz bestimmt wäre sie von diesem Werk hellauf begeistert gewesen, hätte noch vor Jahren womöglich als eine von 4000 Chormitgliedern aus voller Kehle singend mitgewirkt.
Vielleicht gibt es ja im Himmel die Möglichkeit, dieses Mammutwerk zu Ehren Luthers zu erleben - im Kreise ihrer längst verstorbenen Vertrauten?
Was ahnen, erhoffen, wissen wir kurzsichtigen und kurzlebigen Sterblichen schon vom Jenseits?

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