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Kritik von Dirk Hoffmann zu 'The Killing of a Sacred Deer'

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Kritik von Dirk Hoffmann
veröffentlicht am 18.12.2017
80%
Mit seinem ersten englischsprachigen Film "The Lobster - Eine unkonventionelle Liebesgeschichte" heimste der griechische Filmemacher Yorgos Lanthimos gleich eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch (zusammen mit seinem bewährten Co-Autor Efthymis Filippou) ein, sein Hauptdarsteller Colin Farrell wurde mit einer Golden-Globe-Nominierung bedacht. Auch in dem verstörenden Horror-Drama "The Killing of a Sacred Deer" präsentieren Lanthimos, Filippou und Farrell unkonventionelles Kino, das den Zuschauer ebenso fasziniert wie schockiert.
Steven Murphy (Colin Farrell) hat es in seinem Leben weit gebracht. Als erfolgreicher Herzchirurg, der Reden auf festlichen Veranstaltungen seiner Zunft hält, hat er mit seiner Frau, der Augenärztin Anna (Nicole Kidman), und den beiden Kindern Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy) das perfekte Zuhause. Nebenbei kümmert er sich rührend um den 16-jährigen Martin (Barry Keoghan), dessen Vater bei einem Routineeingriff auf seinem OP-Tisch gestorben ist. Die Verbindung zwischen ihnen scheint sich zu verdichten, als Steven den jungen Mann zu sich nach Hause einlädt, wo er sich vor allem mit Stevens pubertierenden Tochter Kim anfreundet, und Martin ihn wiederum zu sich nach Hause einlädt, damit er seine Mutter (Alicia Silverstone) kennenlernt. Doch wie Steven erst viel zu spät bemerkt, ist Martin überhaupt gar nicht an einer freundschaftlichen Beziehung mit Steven interessiert. Stattdessen will er ihn für den Tod seines Vaters zur Rechenschaft ziehen, indem Steven eines seiner Familienmitglieder opfern soll, damit die anderen überleben können ...
Es ist eine trügerische heile, glückliche Welt, die Lanthimos in "The Killing of a Sacred Deer" präsentiert, als er den charismatischen, in allen Belangen souverän agierenden Herzchirurgen Steven Murphy und seine Familie mit der ebenfalls erfolgreichen und schönen Ärztin und den beiden wohlgeratenen Kindern in ihrem schicken und geräumigen Haus vorstellt. Mit wenigen Szenen versteht es der abseits von jedweden Genrekonventionen agierende Filmemacher, die Brüchigkeit in der vermeintlichen Glückseligkeit aufzuzeigen, etwa wenn Steven seine sexuelle Erregung aus der Vorstellung bezieht, seine Frau sei in Vollnarkose, oder er sowohl mit seinem Freund und Kollegen als auch mit Martin über den Vorzug von Uhrenarmbädern aus Metall gegenüber denen aus Leder spricht oder ungerührt verkündet, dass seine Tochter ihre erste Menstruation habe. Die Gespräche und Diskussionen sowohl im beruflichen als auch privaten Kontext sind so steril und neutral gehalten, dass den Protagonisten jede Menschlichkeit zu fehlen scheint. Das wird besonders in der Szene deutlich, als Martin Steven ganz sachlich berichtet, in welchen Stadien sich der Tod seiner Familienmitglieder vollziehen wird.
Erst als selbst die größten neurologischen Koryphäen keine Ursachen für die plötzliche Lähmung von Bobs Beinen feststellen können und Steven bewusstwird, dass Martins perfide Drohung Wirklichkeit zu werden scheint, beginnt die heile, glückliche Welt der Murphys aus den Fugen zu geraten. Lanthimos unterstreicht dieses Horrorszenario in der Tradition griechischer Tragödien mit kleinen, aber eindrucksvollen filmischen Mitteln, in denen die Räume und Flure nicht enden wollende Fluchten bilden und in den Totalen die Figuren wie Spielzeugpuppen zusammenschrumpfen. Der gelegentlich laut aufheulende atonale Soundtrack untermalt die unvorstellbaren Schrecken, die sowohl die gelähmten, dem Tode geweihten Kinder als auch die hilflosen Eltern durchmachen.
Mit "The Killing of a Sacred Deer" inszenierte Yorgos Lanthimos einen an sich einfachen Horror-Rache-Plot auf die höchstmöglich verstörende Weise und gönnt weder den Protagonisten noch dem Publikum eine Aussicht auf Erlösung.
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