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Kritik von Carsten Rothkegel zu 'Chuzpe - Klops braucht der Mensch!'

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Kritik von Carsten Rothkegel
veröffentlicht am 09.09.2015
25%
Ein Spoiler ist eine Information zur Handlung, die wesentliche Spannungs- oder Überraschungselemente vorwegnimmt.
Anders als "Honig im Kopf" drängt sich der neue Film mit Dieter Hallervorden nicht in jeder Szene nervig auf. Nein, "Chuzpe - Klops braucht der Mensch" ist auf eine ruhigere und ein wenig zurückhaltendere Art blöd.

Ob "Didi" Hallervorden einen Juden spielen sollte, ist weniger erheblich als die Frage, worin die Schwierigkeit besteht, einen der größten deutschen Schauspieler in Filmen zu besetzen, die seiner auch nur halbwegs würdig wären. Hier spielt er Edek, einen Überlebenden des Holocaust, der nach dem Tod seiner Frau von seiner Tochter Ruth (Anja Kling) aus seiner Wahlheimat Australien nach Berlin geholt wird. Obwohl diesmal keine Alzheimer-Erkrankung auszuschlachten ist, verhält sich Edek ziemlich dusselig (obgleich der Einfall, einen zweijährigen Vorrat an Toilettenpapier zu bestellen, bei entsprechendem Lagerraum sicher überlegenswert wäre). Natürlich ist jede seiner Aktionen eigentlich ein Beweis für die lustige Lebensbejahung des Rentners - schließlich haben wir es theoretisch mit einer Komödie zu tun - und natürlich muss dieser wiederum die überzeichnete Hysterie seiner Tochter entgegengestellt werden. Müssen Komödien hierzulande mit neurotischen Spaßbremsen gefüllt sein? Trägt es zur Komik bei oder findet sich vielleicht auf tragische Weise ein großer Teil des Publikums darin wieder?

Die anderen Figuren - zum Beispiel Ruths Mann Georg (Hans-Jochen Wagner) - nehmen die Eskapaden des Alternden erstaunlich gelassen hin, sogar wenn er mit den beiden Polinnen Zofia (Franziska Troegner aus "Hallervordens Spottlight") und Valentina (Natalia Bobyleva) in eine Wohnung einzieht und sogar ein Restaurant für Klopse (Fleischklöße) eröffnet. Wieder stelle ich mir Fragen, die nichts mit dem Geschehen im Film zu tun haben. Verrichten ältere polnische Frauen in Berlin keine andere Arbeit als putzen, sodass man auf eine Deutsche und eine Russin für die Rollen zurückgreifen muss? Am polnischen Akzent scheitert Troegner leider ebenso wie Hallervorden am Jiddischen, Natalia Bobyleva kommt ohnehin kaum zu Wort. Faszinierend wäre aber die Hintergrundgeschichte ihrer Figur Valentina, denn wie kommt sie zu diesem Namen, wenn er im Polnischen "Walentyna" geschrieben wird?

Leider ist es nicht nur in deutschen Filmen Praxis, Osteuropäer niemals als richtige Menschen darzustellen. Selbst Türken wird es ab und zu erlaubt, runde Charaktere zu spielen. Man könnte allerdings meinen, dass wir ein bisschen mehr als politisch korrekte Verachtung für unsere Nachbarn übrig hätten; denn das Schlimmste ist die freundliche Toleranz, mit der den beiden "Polinnen" begegnet wird: Seht her, wir lieben eure primitive Kultur und lassen euch unser Sexleben aufmischen! (Dass in einem erzkatholischen Land alle Frauen Luder sind, ist eine weitere unabänderliche Filmkonvention.) Merkwürdig, dass ein Film über einen Holocaust-Überlebenden zugleich seichte Unterhaltung sein will und am Ende Vorurteile verbreitet.

Triumphiert oder scheitert Edek also mit seinem Klopsgeschäft? Für alle diejenigen, die diese Frage bis zum Schluss am Rande des Sitzes hält, erfolgt eine Spoiler-Warnung.
Der Imbiss wird so ein sensationeller Erfolg, dass sogar "Hollyvood" kommt und Edek seine genervte Tochter von sich überzeugt. Es müssen weniger als drei Sätze gewesen sein (irgendwas von Damals und Wie Schön Es Doch Wäre), mit der er sie von Empörung zum begeisterten Klatschen bringt - die kürzeste inspirierende Rede der Filmgeschichte und eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Aber halt, denn noch haben wir den Fast-Tod des Protagonisten nicht gesehen. Erwähnenswert ist dieser kleine Schwächeanfall mit Krankenhausaufenthalt nicht deshalb, weil er auch nur irgendeinen Sinn für die Handlung hätte, sondern weil hier möglicherweise ein zweiter Rekord geknackt wird: Die kürzeste Spanne von "Ist er tot?" zu "Er hat schon wieder Hunger." Aber auch das ist noch nicht der letzte dämliche Einfall, um das Ende künstlich aufzuschieben. Hallervorden kündigt seine Heirat mit Zofia an, bringt seine Tochter gegen sich auf, um mit wenigen Sätzen - es können nicht mehr als zwei gewesen sein - wieder ein ach so versöhnliches Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Dann ist endlich Feierabend.

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