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Kritik von Timo Kiessling zu 'Public Enemies'

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Kritik von Timo Kiessling
veröffentlicht am 24.08.2009
45%
Als einen Cameobezeichnet man einen kurzen Auftritt einer bekannten Persönlichkeit in einem Film. Zum Beispiel waren im Kinofilm "Starsky & Hutch" die beiden Hauptdarsteller der Serie kurz zu sehen. Die Cameo-Darsteller müssen aber nicht unbedingt Schauspieler sein, oft tauchen auch andere Prominente wie Musiker oder Sportler auf.
Ein anderes Wort für Drehbuch. Auch Webseiten basieren zumeist auf Scripten, meistens PHP. Aber das ist ein anderes Thema! ;-)
Als Making-Of bezeichnet man eine Reportage, in der gezeigt wird, wie ein Film entstanden ist. Normalerweise sind Interviews mit Schauspielern und/oder dem Regisseur / Autor / Produzenten zu sehen. Gezeigt werden solche Making-Ofs meistens zu Werbezwecken zum Kinostart des Films oder auch als Bonusmaterial auf DVDs.
Zwei Männer, verzerrte Spiegelbilder. Zwei ungleiche Existenzen, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Harte, einsame Kerle, Kehrseiten der selben Medaille. Opfer einer erbarmungslosen Konfrontation. Männer, die sich jedoch gegenseitig brauchen, als Spiegel. Jeffrey Wigand alias Russel Crowe vs. Lowell Bergman alias Al Pacino in "Insider". Neil McCauley (Robert De Niro) unterhält sich mit Lt. Vincent Hanna (Al Pacino) in einem Straßencafé in "Heat". Sie duellieren sich auf verbale Art und Weise wie zwei ganz normale Typen, jeder von ihnen ein Profi auf seine Weise. Und auch in "Collateral" treffen Zivilist (Jamie Foxx) und Gangster (Tom Cruise) unmittelbar aufeinander, die durch ein urbanes Los Angeles umherstreifen. Stets wissend, dass nur einer von ihnen das Duell überleben kann. Das Kino des Michael Mann, so scheint es, wird von dieser Figurenkonstellation mehr oder weniger beherrscht, es lebt und fällt mit dieser. Der unerreichte Chronist des ewigen Kampfes zwischen gut und böse, das ist er ohne Zweifel, Michael Mann. Auch in des Meisterregisseurs neuestem Streich prallen zwei Kontrahenten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. In "Public Enemies" jagt Melvin Purvis (Christian Bale) John Dillinger (Johnny Depp), Medienstar, Volksheld und berühmt-berüchtigter Bankräuber. Der zweite Robin Hood quasi, nur, dass er das geraubte Geld nicht dem armen Volk überlassen hat, er behielt es für sich. "Public Enemies", letztenendes jedoch ein Film, der sich nahtlos in die Liste der enttäuschenden Blockbuster der letzten Zeit gesellt. "Public Enemies", eine Materialschlacht ohne Substanz, eine verkalkulierte Hommage an die großen Gangsterfilme, so zäh und kalt, wie man es von Michael Mann lange nicht gesehen hat.

In gewisser Hinsicht markiert "Public Enemies" eine Art "Heat"-Reproduktion. Neben der klassischen Cop-Gangster-Story bettet Mann auch eine Liebesromanze ein, während die Bösen Banken ausrauben, versuchen eben die Guten diese dingfest zu machen, während die Bösen immer einen Schritt den Guten voraus zu sein scheinen, kommt es am Ende doch noch zu einem großen Showdown zwischen gut und böse. Umkreist werden dabei einmal mehr die Themen Loyalität, Verrat, Charakterparallelen, Coolness selbst unter größter Hitze. Doch "Public Enemies" ist kein zweiter "Heat", beherbergt keine tiefenpsychologische Skizzierung, kein emotionales Gewicht, keine Beziehungskomplexität unter den Akteuren, kein Zugang zu den Figuren und vor allem: kein Zugang zur Geschichte. Obwohl sich die Story gerade mal über ein Jahr erstreckt und der gewaltigen Lauflänge von 140 Minuten ist und bleibt die eindimensionale Handlung bruchstückhaft, stagniert an der Oberfläche, weist darüber hinaus grobe Lücken auf. Es stechen zwar einzelne Szenen heraus, "Public Enemies" findet jedoch zu keiner Zeit den Weg zu einer homogenen, ausgewogenen Masse. Stattdessen geht Mann den konventionellen Regeln des Genres geradezu besessen nach, ohne ihm etwas Neues abzugewinnen oder gar hinzuzudichten, er spielt mit Versatzstücken des Altbekannten. Nein, Michael Mann beweist allenfalls nur wenig Gespür für diese Epoche. Warum und weshalb und wodurch ausgerechnet Dillinger in der großen Depression zum Helden aufsteigen konnte, bleibt ein Rätsel des Drehbuchs. Wie er von den Menschen als eine Art Ikone gefeiert wurde, wird abgesehen von einer einzigen, recht trivialen Szene gar nicht thematisiert. Ebenso wie der durchaus interessante Ansatz, wie die Prohibition Gangster à la Dillinger hervorbrachte, der allerdings im Nichts verfliegt.

Auch die oben angesprochene Liebesgeschichte zwischen John Dillinger und Billie Frechette (Marion Cotillard) entpuppt sich als tendenzieller Stolperstein irgendwo zwischen purem Klischee, überschäumendem Kitsch und der Degradierung Johns großer Liebe zum schmuckem Beiwerk. Sowohl die Hingabe Johns zu Billie als auch Billies Hingabe zum Gangster ist nie konsequent zu Ende gedacht, ist nie plausibel. Offensichtlich mangelt es Mann an Gefühlen und Gründen für die Bindung zwischen John und Billie, sodass er diesem Handlungsstrang, der außerdem zu sehr in den Fokus gerückt wird, wenig Beachtung in dessen Ausformulierung schenkt, sondern ihn einfach nur der Notwendigkeit halber passieren lässt. Der Rest besteht dabei weitestgehend aus einer Reihe deplazierter, wenig konstruktiver Dialoge (etwa Billies "Ich muss mal auf die Toilette." bei einem Verhör) und dem Anschein, wie wenig Mann eigentlich hier zu erzählen hat, wie wenig Dramatik hier herrscht und dass die Handlung mehr und mehr von des Regisseurs Vorliebe für Ballerorgien überrollt wird. Grandios gefilmte und choreographierte Brillantsequenzen wie der nächtliche shoot out im Wald samt Verfolgungsjagd, eine hemmungslose und gewaltige, intensive sowie hautnahe Schlacht de facto, oder als Dillinger in das Hauptquartier der Polizei spaziert - ein kleiner magic moment - und schließlich sein theatralischer, unspektakulär spektakulärer Abgang vor dem Kino, wenn vorher Hollywood und Realität in einer meisterlichen Parallelmontage plötzlich miteinander verschmelzen, stellen immer wieder gelungene Einzelszenen dar (gegen Ende, wenn "Public Enemies" nochmal ordentlich auf den Temposchalter drückt), bei denen Mann zwar einen Teil seines Genies abrufen kann und auch aufblitzen lässt, wirklich rund wirkt das Ganze trotzdem nicht, wirklich kaschiert wird das holprige Script und die daraus resultierende Narration, welche keine Linie zu finden scheint, dadurch nicht.

Audiovisuell dominiert natürlich die gestochen scharfe HD-Optik, Michael Manns Fetisch für digitales Filmen, den er seit "Ali" (2001) an den Tag legt. Doch wo "Collateral" und "Miami Vice" einen geradezu fiebrigen und zeitgemäßen Inszenierungsstil evozierten und entsprechende Bebilderung einen Sinn gemacht hat, wo Mann traumhaft sowie gleichermaßen eindringlich die Nacht mit Hochglanzbildern in Szene setzte, versagt das Konzept in "Public Enemies" gänzlich. "Public Enemies", die Geschichte des Bankräubers John Dillinger, offensichtlich als period piece konzipiert, das ist Epik, welche durch die extreme Grobkörnigkeit als Stilmittel und der künstlichen Überbelichtung völlig gegen die Wand gefahren wird und ihr jedwede Ernsthaftigkeit raubt. Auszumachen unter anderem auch im nächtlichen "Wald-Shoot-Out", der trotz seiner Wucht zum unübersichtlichen Farbstreifen verkommt. Dante Spinottis ("L.A. Confidential"; "Insider") Kameraführung fühlt sich dabei oftmals so an, als wenn man sich in einem schlechten Making Of, in einem dilettantischen Heimvideo befindet, so verwackelt, so undifferenziert, so unscharf bei Bewegungen, so klinisch kalt wirkt Manns Digitalvideoästhetik. Von echtem Flair der 30er Jahre und der echten Atmosphäre dieser Zeit ist "Public Enemies" jedenfalls weit entfernt, wenn nicht sogar meilenweit.

Auf der Gegenseite ist zumindest Elliot Goldenthals ("Interview mit einem Vampir"; "Heat") großartiger Score zu notieren, auch wenn der energiegeladene Song "Ten Million Slaves" von Otis Taylor gerade bei erstem Einsatz, wenn Melvin Purvis eingeführt wird, nicht zu 100% passt. Enttäuschend ebenso die vergleichsweise kurzen und unspektakulären Schießereien (sieht mal mal von obiger ab), was in der Form gar nicht zu einem Regisseur passt, der auch die apokalyptische Straßenschlacht aus "Heat" oder die unvergleichlich virtuos-blaufiltrige Disco-Sequenz aus "Collateral" inszeniert hat. Selbst die Ausstattung, die Location avanciert zum Déjà-vu -Erlebnis vieler anderer Genre-Kollegen ("Bonnie und Clyde", "The Untouchables - Die Unbestechlichen" etc.), was dazu führt, dass selbst diese nicht unbedingt zum eye catcher taugt, weil man eben das Ganze irgendwie irgendwo schon in besserer Ausführung gesehen hat.

Johnny Depp ("Ed Wood"; "Fluch der Karibik") verkörpert - und das ist eine der nicht unrelevanten Stärken in diesem Film - John Dillinger vorzüglich, ohne großartig seinen Freak-Faktor aus vergangenen Zeiten zu bedienen. Mit viel Charisma, Ruhe, Eleganz, der sich somit ganz unauffällig unters einfache Volk, aber auch unter High Society-Kreise mischen kann, bildet er das Zentrum des Films und stemmt ihn ohne Probleme. Trotzdem ist Dillinger ein Profi durch und durch, effizient und prinzipientreu, eben ein typischer Charakter aus der Feder Michael Manns. Dagegen ist es fast unbegreiflich, wie der Regisseur sein restliches erlesenes Ensemble beinah schon verschwenderisch wegwirft. Während Marion Cotillard ("Big Fish"; "Ein gutes Jahr") aufgrund ihrer unzureichend begründeten Darstellung von Dillingers großer Liebe fehlbesetzt zu sein scheint und mit ihrem penetranten Dauergrinsen den Nervfaktor erheblich nach oben schraubt, während Dillingers Komplizen (darunter bekannte Namen wie Stephen Lang, Giovanni Ribisi, Stephen Dorff, Leelee Sobieski, David Wenham) ebenfalls keine Tiefe vom Drehbuch (Ronan Bennett, Michael Mann, Ann Biderman) spendiert bekommen und somit zu Rohrkrepierern avancieren, und dessen Auftritte allenfalls als Cameos durchgehen könnten, ist es auch Christian Bale ("American Psycho"; "The Machinist"), der so blass, farblos und steif wie in seinen letzten Rollen (allen voran als John Connor) agiert, der eigentlich nur mit zugekniffenen Lippen resigniert in die Kamera starrt, wenn ihm Dillinger mal wieder entkommen ist. So stehen Depp und Bale im Gegensatz zu De Niro und Pacino in "Heat" in keiner einzigen Szene konstant auf einer Qualitätslinie. Depp spielt Bale stets an die Wand, ihr erstes Aufeinandertreffen ist erstaunlich monoton, fast schon armselig. Da bleibt man doch lieber beim gemütlichen Kaffeekränzchen. Erwähnenswert noch Billy Crudup ("Mission: Impossible III"; "Watchmen - Die Wächter") als J. Edgar Hoover, bei dem Mann auf einen vom Ansatz her vielversprechenden Nebenplot zurückgreift und Hoover als "Weichei" bebildert, der noch nie in seinem Leben einen Mann festgenommen hat. Leider wird auch dieser Handlungsstrang (einer unter vielen) hoffnungslos verschenkt, in dem er weder ein zweites Mal aufgegriffen und weitergeführt, noch konsequent beendet wird.

Summa summarum ist zu konstatieren, dass der zweite Versuch, einen Staatsfeind Nr. 1 in diesem Jahr ins Kino unterzubringen, gescheitert ist. Obwohl "Public Enemies" kein völliges Desaster repräsentiert, ist er doch, gemessen an den Erwartungen und seitens des Regisseurs, der nach "Ali" erst seinen zweiten historischen Film präsentiert, ein missglückter Versuch John Dillinger cineastisch zu würdigen. Michael Mann pfeift nicht nur auf historische Fakten und Authentizität - ohnehin stellt der Streifen mehr Fiktion denn Realität dar (man fragt sich, weshalb Mann den Stoff "Public Enemies: America's Greatest Crime Wave And The Birth Of The FBI, 1933-34" von Bryan Burroughs überhaupt adaptierte) -, ihm ist es offenbar auch egal oder nicht ersichtlich, wie weit hier Form und Inhalt aufgrund seines neuen Looks auseinandergehen.

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