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Kritik von Fred Maurer zu 'Sophie Scholl - Die letzten Tage'

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Partner von Entania
Kritik von Fred Maurer
veröffentlicht am 27.01.2008
95%
Ein Remake ist eine Neuverfilmung eines bereits existierenden, meist mehrere Jahrzehnte älteren Films.
"Sophie Scholl - die letzten Tage”, BRD 2005: Heldentod fürs Vaterland

Eine Filmkritik von Fred Maurer für die R10a und die R9c (2008) der Georg Elser-Schule Königsbronn

Nur eine Legende - oder begann der Film tatsächlich mit einer herben Enttäuschung?: Der Schauspieler Alexander Held hatte seiner Tochter fest versprochen, ihr aus dem Supermarkt ihre Lieblingspizza mitzubringen und an der ausgewogen-gesunden Ernährung ihrer Mutter vorbei selbst zuzubereiten. Doch da klingelte plötzlich unmittelbar vor den Tiefkühlboxen sein Handy: Der junge Regisseur Marc Rothemund sagte ihm die Traumrolle für seinen ambitionierten Film "Sophie Scholl" zu vor Aufregung vergaß Held die Pizza. Zuhause sollen Kindertränen geflossen sein.

Es folgten aufregende und oft schwierige Dreharbeiten: Galten die vereinten Bemühungen doch einem der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte, den nach den Maßstäben der Verhältnismäßigkeit wahnwitzigen Todesurteilen gegen die Verfasser und Verteiler einiger weniger Flugblätter, welche lediglich die grausame Wahrheit verkündeten: dass "die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten" (so die ironische Umschreibung für den mörderischen Diktator Hitler) das gesamte deutsche Volk "sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben" geführt hat (geköpft werden einmal mehr die Verkünder ungeschönter Tatsachen, nicht die hierfür Verantwortlichen) - und war das moderne München von heute zudem detailgetreu in die 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückzuversetzen (ein Extra-Lob der Kameraführung, den Beleuchtern und den Kostümbildnern!).

Manchmal lernen wir aus authentischen, atmosphärisch stimmigen Spielfilmen über noch immer nicht annähernd verarbeitete Geschichte (wie den Nationalsozialismus oder auch die Diktatur der DDR) eben mehr als aus schulischen Geschichtsbüchern oder populärwissenschaftlichen Fernsehdokumentationen (weshalb auch diese längst Spielszenen miteinbeziehen, sich zu suggestiven "Doku-Dramen" erweitert haben) - gerade so, als ob erst die Fiktion der Wirklichkeit dauerhaft gültige Wahrheiten und tiefe Erkenntnisse entlocken könne:
Die Verhöre, die Farce der so genannten Gerichtsverhandlung und die schon zuvor feststehenden Todesurteile sind gewiss die gröbsten Verstöße gegen die Meinungsfreiheit, die sich denken lassen - sie offenbaren aber auch die Macht sich sprachlich manifestierender Gedanken (weit über die oberflächliche Wortgewalt mächtiger Politiker hinaus) und entlarven die Ohnmacht der Diktatoren angesichts der geistig-moralischen Überlegenheit ihrer Widersacher. Zwar haben erst die Alliierten 1945 den grausamen Spuk des menschenverachtenden Nationalsozialismus militärisch beendet Deutschland vor der dem Ansehen der Welt und in moralischer Hinsicht zuvor gerettet jedoch haben ihn einige bis zur Selbstopferung furchtlose Ausnahmepersönlichkeiten aus seiner Mitte und aus allen Schichten: bereits 1939 mitten in die trügerische gesamtnationale Siegesstimmung kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges hinein Georg Elser aus dem schwäbischen Königsbronn (auch der Spielfilm "Einer aus Deutschland" von und mit Klaus M. Brandauer aus dem Jahr 1989 ist sehenswert, obwohl dieser dem technisch vielseitig begabten Handwerker mitnichten ähnlich sieht) der hochdekorierte und schwerstverwundete Stabsoffizier Graf Schenk von Stauffenberg (dessen 1944 ähnlich tragisch gescheitertes Bombenattentat samt missglücktem Umsturzversuch kurz vor dem endgültigen Untergang ebenfalls seit den 50er Jahren mehrfach verfilmt worden ist, zuletzt 2004 zum 60jährigen Gedenken mit dem grandiosen Sebastian Koch in der Titelrolle, demnächst bekanntlich mit Tom Cruise in womöglich fragwürdiger Hollywood-Machart) - und zeitlich dazwischen die in ihrer sprachlichen Gestaltungskraft überzeugende akademische Widerstandsgruppe "Die weiße Rose", aus deren Mitte ein kaum volljähriges, nach Zeugenaussagen eher unscheinbares Mädchen herausragt, eben Sophie Scholl aus Ulm (bemerkenswerterweise in der Nähe von Königsbronn!), die blutjunge Schwester des frühen Widerstandskämpfers Hans Scholl, Biologie- und Philosophiestudentin an der Münchner Universität, Verlobte eines Frontoffiziers. Qualitative Unterschiede zwischen diesen je individuellen Widerstandskämpfern verschwinden hinter dem gemeinsamen Ziel: Die sechs Flugblätter dieser jungen Studenten (und ihres Lehrers Prof. Huber) schlugen ihrerseits ein wie eine Bombe und haben bis heute an Sprengkraft nichts eingebüßt. Ihre Lektüre lohnt sich (sie sind im Internet leicht auffindbar).

Nun ist unsere geschichtliche Wahrnehmung nicht immer gerecht: Steht Sophie Scholl (nicht nur was den Film betrifft) legitim im Fokus unserer Aufmerksamkeit, durchaus auf Kosten ihrer älteren und ebenso verdienstvollen Kollegen?
Anders gefragt: Ist die Beschränkung auf eine einzige Protagonistin (und allenfalls ihren Bruder) sozialhistorisch und künstlerisch gerechtfertigt?
Der auch kommerzielle Erfolg scheint dieser konzeptionellen Entscheidung rechtzugeben:
Die Begrenzung auf ein überschaubares Personal erleichtert zum einen ohne qualitativen Substanzverlust einem größeren Publikum das Verständnis der Handlungszusammenhänge, ermöglicht zum anderen das psychologische Ausloten der Charaktere und die anschauliche, glaubhafte Darstellung derer Entwicklung. (Es gibt auch ein sehenswertes Fernsehspiel über den Hausmeister der Universität, seine subjektive Pflichtauffassung und objektive Schuld: "Der Pedell", 1971).
Darüber hinaus ist Sophie Scholl auch heute aktuell, leistet sie doch auf der Anklagebank einen wesentlichen Beitrag zur Emanzipation der Frau, indem sie zum größtmöglichen Schutz ihrer Mitverschwörer und aus Solidarität mit ihrem älteren Bruder die zunächst untergeordnete Rolle innerhalb ihrer Widerstandsgruppe aufgibt, mit der sie als vorgeblich unschuldig Verführte ihr Leben hätte retten können (so die ihr von ihrem beeindruckten Vernehmer gebaute und von ihr sofort verschmähte Brücke), und sich stattdessen für den Märtyrertod entscheidet fast wird sie so zu einer Heiligen, fast rückt ihre Geschichte in die Nähe der Religiosität (was auch das Kreuz an der Wand und das tröstliche Gebet mit dem sichtlich bewegten Gefängnisgeistlichen unmittelbar vor der Hinrichtung versinnbildlichen).

Warum nur sind die Geschwister Scholl nicht umringt von ihren Kommilitonen und unerkannt vor jenem älteren, weniger wendigen und körperlich schwächeren Hausmeister geflohen, der sie beim Flugblattverteilen beobachtet hat und nun laut schimpfend verhaften will?
Willensstärke, Beharrlichkeit und Überzeugung zeichneten die beiden offenbar ebenso aus wie eine Portion an Leichtsinn und Chuzpe, die ihnen zum Verhängnis werden sollte (Haltungen, die keineswegs mit blindem Fanatismus verwechselt oder gar dem ihrer Mörder gleichgesetzt werden dürfen, vielmehr einem bereits früh angelegten, unter den erschütternden Eindrücken des Krieges gewachsenen humanitären Idealismus entspringen): Diese einzigartige Mischung aus Identifikationsangebot und Vorbildwirkung macht beide in historischer, dokumentarischer, literarischer und cineastischer Hinsicht attraktiv und unsterblich. Ihr Märtyrertod verpflichtet und motiviert uns zu andauernder Erinnerung.
Bereits Michael Verhoevens Verfilmung von 1982 war insofern wichtig und überzeugt noch heute ("Die weiße Rose" mit einer großartigen Lena Stolze als Sophie). Die Neuverfilmung des Jungfilmers Marc Rothemund (als "Drama mit relativ geringem Aufwand", wie er selbst sagt) geht freilich weit über ein Remake hinaus: Musste Verhoeven die zahlreichen Leerstellen mit seinem Geschichtsverständnis und seiner enormen Fantasie zu füllen versuchen, konnten sich Rothemund und sein Drehbuchautor Fred Breinersdorfer der 1990 in der DDR aufgefundenen Verhörprotokolle bedienen - ja sie hätten diese fatal ausschlachten, 1:1 übertragen können. Diese Inszenierungsmethodik hat freilich ihre Tücken, auf die bereits Kirsten Schulz in einem Essay aufmerksam gemacht hat: "Schließlich handelt es sich dabei um Aufzeichnungen der vernehmenden Kriminalbeamten der Gestapo [...] Insofern bieten diese Protokolle [...] kein exaktes Abbild der historischen Wahrheit."
Dies wussten und berücksichtigten der erfahrene Drehbuchautor Breinersdorfer und der künstlerisch ebenso ehrgeizige Regisseur Rothemund natürlich, weshalb sie einschlägige Fachliteratur und Filmmaterialien studiert haben (wie etwa die heimlich gefilmten Schauprozesse gegen die Mitverschwörer und Mitwisser des Stauffenberg-Attentats), so dass sich der durchweg hochdramatische Film deutlich von der erhabenen Langeweile des eher politischen denn künstlerischen Dokumentationstheaters der 60er Jahre abhebt. Die so entstandene epische Linearität ganz ohne verwirrende Rückblenden, fast nach dem antiken Dramengesetz von der Einheit der Zeit (hier lediglich über sechs Tage von der Verhaftung bis zur Hinrichtung), des Ortes und der Handlung erzeugt eine zwar konventionelle, doch höchst spannende Dramatik von der ersten bis zur letzten Minute.

Die hochbefriedigende, ja beglückende Gesamtleistung liegt maßgeblich auch an den sorgsam ausgewählten Darstellern, an zwar fachlich anerkannten, doch (vergleichsweise zu den eher vordergründig und eindimensional spielenden oder gar nur ihren mühsam auswendig gelernten Text abliefernden, sattsam aus dem Fernsehen bekannten "Serientätern") damals noch keineswegs berühmten Theaterschauspielern: Julia Jentsch (in der Titelrolle), Fabian Hinrichs (als ihr ebenso tapferer, aufrechter Bruder Hans Scholl), Alexander Held (der die Schizophrenie des Vernehmers Robert Mohrs glaubhaft verkörpert und nicht nur einfach "spielt") sowie der trotz einiger Nebenrollen in bedeutenden Filmen bislang wenig bekannte Allround-Künstler André Hennicke (Schauspieler, Autor von Drehbüchern und Romanen, Filmregisseur und Filmproduzent) als der teuflische Blutrichter Freisler in einem auch dank seiner beachtlichen Darstellungskunst (und jener des Maskenbildners) grandios inszenierten wahrhaft schauerlichen Schauprozess, in dessen illegalem Verlauf der Zynismus des Gerichtspräsidenten zusehends gegen die unglaubliche mentale Stärke der Geschwister Scholl den Kürzeren zieht: "Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit!", ruft der verzweifelte Vater noch während seinem Hinauswurf aus dem Gerichtssaal Freisler empört zu, ehe Sophie Scholl nach der Urteilsverkündung erstaunlich kaltblütig zutreffend prophezeit: "Unsere Köpfe rollen heute, eure rollen morgen!" (wenn es auch erst zwei Jahre später ein Granatsplitter sein wird, an dem Freisler jämmerlich verbluten sollte).

Der Film schließt trotz der grausamen, zurecht nur akustisch angedeuteten Hinrichtungen optimistisch: Das letzte Flugblatt, das die "Weiße Rose" aufgrund der Verhaftungen nicht mehr selbst veröffentlichen konnte, gelangt unter der Hand nach England und wird von dessen Luftwaffe über den zerbombten deutschen Städten abgeworfen, fliegt buchstäblich tausendfach vom Himmel, fast als säßen ihre Verfasser engelgleich auf dessen Wolken jedenfalls symbolisiert die geistig-moralische Nahrung dieser frühen "Rosinenbomber‘" den Sieg des geschliffenen Wortes über die Barbarei. Sophie Scholl und ihre Freunde leben, solange alle paar Jahrzehnte mutige Filmemacher (wie nun auch Marc Rothemund auf Augenhöhe mit seinem großen, eine Generation älteren Kollegen Verhoeven) deren Geschichte verfilmen und wir sie uns ansehen, ergriffen, voller angespannter Bewunderung und mit dem Vorsatz, im Kleinen etwa gegenüber dem Chef endlich einmal unsere Feigheit zu überwinden oder gegenüber halbstarken Neonazis Zivilcourage zu zeigen und sie wortgewaltig in die Schranken zu weisen (wobei wir seltenst unser Leben oder auch nur unsere Gesundheit riskieren, sondern allenfalls ein paar Vorteile und Bequemlichkeiten einbüßen oder ein paar Sprossen der Karriereleiter verpassen).

Zurecht erhielt der Film eine Reihe von Preisen (zwei "Silberne Bären" auf der Berlinale 2005 und den "Deutschen Filmpreis" für Julia Jentsch als beste Schauspielerin), wurde darüber hinaus für den "Oskar" nominiert (was durchaus eine ehrenvolle, für deutsche Filme seltene Auszeichnung für sich ist) und feiert (um zum Schluss auch seine pädagogische Bedeutung wenigstens anzudeuten) im Stillen Woche für Woche kleine, wirksame Triumphe im Geschichtsunterricht unserer allgemeinbildenden Schulen, wenn Jugendliche und angehende Erwachsene, die sonst lieber Actionfilme konsumieren und für einheimische Filme wenig übrig haben, atemlos und mucksmäuschenstill einem deutschen Schauspiel folgen: Mehr kann ein Film nicht erreichen.

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