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Kritik von Fred Maurer zu 'Sternstunde ihres Lebens'

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Kritik von Fred Maurer
veröffentlicht am 15.04.2018
90%
Biopic ist der englische Begriff für eine Filmbiografie, die aus dem Leben einer Person erzählt, die tatsächlich lebt oder gelebt hat.
Der lange Weg zur Gleichberechtigung von Mann und Frau

Eine Filmkritik von Fred Maurer auf die Gleichberechtigung der Frau

So kann man sich selbst als Film- und Geschichtskenner täuschen: Die ersten paar Minuten des mir bislang unbekannten Spielfilms haben mich fast noch gelangweilt. Doch dann wurde mir seine Aktualität und politische Relevanz klar - und ich stand ihn mühelos, ja fast angespannt durch. Es hat sich gelohnt - wie bei fast allen Filmen mit Iris Berben in der Hauptrolle.
"Ein Geschichtsfilm mit Poesie-Album-Überschrift zeigt: Fernsehen kann auch wichtig sein. Vielleicht gerade dann, wenn keiner damit rechnet", schreibt hierzu der "Focus" am 22.05.2014.

Worum geht es in diesem 'Biopic', dem wenn auch (s.u.) teilfiktionalisierten, filmisch verdichteten Lebensbild einer fast vergessenen, doch bedeutsamen Politikerin in ihrer zunächst noch patriarchischen Zeit Ende der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts?
Zum Inhalt (siehe 'Das Erste.de'): "Bonn 1948. Die Abgeordnete und Juristin Dr. Elisabeth Selbert kämpft unermüdlich für die Aufnahme des Satzes 'Männer und Frauen sind gleichberechtigt' in das Grundgesetz der zukünftigen Bundesrepublik Deutschland. Trotz der vielen Widerstände, die sie während der Sitzungen im Parlamentarischen Rat immer wieder zu spüren bekommt, gibt sie nicht auf und hält hartnäckig an ihrem Vorhaben fest.
Nicht nur ihre Kolleginnen aus dem Parlament, selbst ihre Sekretärin Irma steht Elisabeth Selbert zunächst skeptisch gegenüber. Sie versteht nicht, wie wichtig die Ziele sind, die Elisabeth Selbert durchzusetzen versucht. Erst eine gescheiterte Affäre mit einem Abgeordneten und die Schicksale anderer Frauen öffnen der jungen Sekretärin die Augen. Langsam nähern sich die ungleichen Frauen an.
Als sie schließlich gemeinsam eine landesweite Kampagne für den Gleichberechtigungssatz erfolgreich realisieren, ziehen sie endlich an einem Strang und mit ihnen tausende Frauen, die ihren erbitterten Kampf um Gleichberechtigung unterstützen. Selbert erlebt einen grandiosen Triumph, als ihr Antrag im neuen Grundgesetz unter Artikel 3, Absatz 2 aufgenommen wird. Sie legt damit den Grundstein für eine nunmehr [im Jahr 2014] 65-jährige politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung zum Thema Gleichberechtigung..."

Regie führte Erica v. Moeller ("Leben mit Hannah" von 2006) nach einem trotz überschaubarer Handlung überzeugenden Drehbuch von Ulla Ziemann.
Sehenswert sind die Darsteller, die wir meist selbst dann mit ihren Rollen identifizieren, wenn wir die zeithistorischen Originale gar nicht mehr kennen:
allen voran Iris Berben als die uns nunmehr erinnerliche SPD-Politikerin Elisabeth Selbert, Rudolf Kowalski als ihr Ehemann und Anna Maria Mühe als ihre (fiktive) Sekretärin, deren "Affäre [mit einem hinter ihrem Rücken verheirateten Politiker, A.M.] ... eher wie eine romantische Dreingabe fürs weibliche Publikum" wirkt, deren "Wandlung [zur selbstbewussten Frau jedoch, A.M.] ... für den gesellschaftlichen Prozess steht, den Selbert in Gang setzt" ('Frankfurter Rundschau' vom 21.05.2014 07); außerdem Lena Stolze, Max von Thun, Walter Sittler, Eleonore Weisgerber und (s.u.) Dietrich Mattausch.

Kein Film ohne Wehmutstropfen. Das Biopic enthält mehrere historische, anachronistische und Filmfehler, die durch sorgfältiges Recherchieren besser hätten vermieden werden können:
Als Elisabeth Selbert erstmals im Film das Gebäude des Parlamentarischen Rats betritt, wehen über dem Eingang die bundesdeutschen Fahnen, darunter auch die Flagge Baden-Württembergs, das es aber erst seit 1952 gab.
Entgegen der Darstellung im Film wurde die Ansprache beim Eröffnungsfestakt nicht vom späteren Bundespräsidenten Professor Theodor Heuss gehalten.
Die politische Wandkarte, vor der Irma Lankwitz ihren Schreibtisch stehen hat, zeigt die Ländergrenzen von 1957 mit dem vereinigten Baden-Württemberg und dem bereits (wieder) angegliederten Saarland (das sich 1955 per Bürgerentscheid zwischen Frankreich und der BRD entscheiden musste).
Dietrich Mattausch ist ein ausgezeichneter Schauspieler - allerdings ohne jede Ähnlichkeit mit seiner Filmrolle, Konrad Adenauer; zwei Jahre früher (2012) hat Joachim Bißmeier diesen auch optisch markanten und bekannten Jahrhundertpolitiker weit überzeugender dargestellt: in "Konrad Adenauer - Stunden der Entscheidung".

In der Schlusssequenz liest Bundeskanzler Konrad Adenauer mit Elisabeth Selbert im Bildhintergrund das vom Parlamentarischen Rat verabschiedete Grundgesetz vor: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin". Diese 'Gleichstellungsklausel' wurde aber erst 1994 [!] in das Grundgesetz aufgenommen.
Eine lässliche Sünde: Ein Spielfilm darf nämlich 'verdichten'; schließlich ist er partiell fiktional, seine Handlung teilweise erfunden.

Das Medienecho ist durchweg positiv.
Der 'stern' z.B. fällte dieses positive "Urteil: Gut abgehangenes Schulfernsehen. Hier kann man was lernen, wird aber dennoch auch gut unterhalten. Und man wundert sich, wie schwer sich die alten Knacker damals taten, den Frauen die grundsätzlichsten Rechte zuzusprechen..."
Als vaterloser Halbwaise habe ich von diesem Kampf um die Gleichberechtigung der Frau angesichts meiner mental starken Mutter wenig gespürt. Ich selbst musste mich gegenüber den Mitschülern aus gutem Haus durchsetzen (Vater Apotheker, Prokurist, Anzeigenleiter beim 'Mannheimer Morgen' etc.), was mir halbwegs sportlich, musikalisch und sprachbegabt irgendwann in den 70ern gelingen sollte.
Der sehenswerte und lehrreiche Spielfilm zeigt allerdings lediglich den Anfang einer bis heute nicht abgeschlossenen Entwicklung.
Arno Frank erläutert dies im "Spiegel" vom 20.05.2014: "Im Abspann freilich wird noch einmal ernüchternd aufgezählt, wie weit der Weg noch sein sollte. Bis zur vollständigen Anpassung des BGB im Sinne des Artikel 3 dauerte es bis 1957, die freie Berufswahl auch ohne Zustimmung des Ehemanns war erst 1977 möglich und ein Anspruch auf gleiches Entgelt für Frauen besteht erst seit 1980 [ohne dass er bis heute auch nur annähernd verwirklicht wäre, A.M.]..."
Der Film feiert nur den Beginn einer Gradwanderung, die noch lange nicht zu Ende ist.

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