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Kritik von Joachim Meßner zu 'Inglourious Basterds'

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Kritik von Joachim Meßner
veröffentlicht am 20.11.2010
55%
Der Wim Wenders des us-amerikanischen Kinos, Quentin Tarantino, greift diesmal ins historische Fach. Es geht um die bösen Deutschen zur Nazizeit, die sich in Amerika schon immer gut vermarkten ließen. Da kann man box-office-seitig nicht viel falsch machen. Und so war es denn auch.

Schon wie der Film anfängt, weiß man, dass Tarantino vorhat, großes Kino zu veranstalten, Kino für die Ewigkeit, ähnlich wie sein deutscher Kollege Wim Wenders das jedes Mal versucht. Im Stile von "Spiel mir das Lied vom Tod" lässt Tarantino in sage und schreibe 1:15 Minuten eine bedrohlich herannahende, deutsche Militärpolizei Eskorte gerade mal läppische 500 Meter Wegstrecke zurücklegen. Diese viel zu lange Zeit braucht Tarantino, um in "Erzählender Montage" Sergio-Leone-Spannung aufzubauen, was ihm aber irgendwie misslingt. Musikalisch, wie sinnig, klimpert dazu ein Saloon-Piano Beethovens "Für Elise", das mit einer Westerngitarre ausgeschmückt wird. Tja, ein Zitat ist nun mal ein Zitat.

Leider muss Tarantino dann doch noch zu einem Jump-Cut greifen, um die gnadenlos ablaufende Zeit zu raffen, bis die Deutschen an seiner Hütte endlich aussteigen. Sehr meisterlich ist das nicht - regietechnisch. Aber das bleibt den meisten verborgen.

Ab diesem Moment wurde mir klar, dass es sich hier um einen Kunstgewerbe-Film handelt und nicht etwa um historische Wahrheit. Wim Wenders hätte den Jump-Cut wahrscheinlich nicht gemacht. Er ist immerhin der Meister von "ab-laufender Zeit". Aber Quentin schert sich wenig um Plausibilität. Er will auftrumpfen, alte Meister bemühen und - er will damit Spaß haben.

Den versprüht der Film dann tonnenweise. Brad Pitt als Haudegen, Til Schweiger als Bärbeißer, Diane Kruger als Schöne, Melanie Laurent als edle Jüdin und der ge-oscarte Christoph Waltz als Nazi-Juden-Fahnder. Alle sind gut, Waltz diabolisch am besten. Er liefert eine perfide Nummer als Obernazi ab.

Brutal geht's zu und leider auch recht dümmlich. Und ich muss gestehen: "Rambo"-Filme sind ähnlich filigran gestrickt. Aber es soll ja alles Spaß machen. Sei's drum. Brad Pitt und seine Bastarde sind sozusagen authorisierte Fliegenklatscher, die ihr Können an Menschen anwenden dürfen. Und sie knüppeln oder skalpieren immer die Richtigen, die Nazis. Der Film ist in Farbe, aber eigentlich Schwarz/Weiß gedreht, wobei Tarantino alle Deutschen, alle Soldaten als Nazis verkauft. Wie subtil. "Inglourious Basterds" ist eine Farce, eine Komödie, eine Travestie-Show. Nichts dagegen einzuwenden.

Nur einmal blieb mir die Spucke weg, als es in einem Sauf-Keller zu einem unerwarteten Treffen von U.S.-Helden und Nazis kommt. Da wird in Ansätzen spürbar, was Tarantino dramatisch auf der Latte hat, wenn er nicht blödelnd das Regie-Ass spielen will. Da friert einem kurz mal das Blut in den Adern. Da wird das Grauen fassbar, dass das System Hitler verbreiten konnte: ein SS-Offizier entlarvt einen amerikanischen Soldaten in deutscher Uniform. Eine der eindrücklichsten Szenen des Filmes - zusammen mit der Szene des Kaffeehaus-Besuch von Reichsminister Goebbels. Auch dort wird das Diabolische ruchbar, die Präzision und Menschenverachtung des Systems im Mäntelchen des Kulturliebhabers aufgezeigt. Das ist dann wirklich großes Kino.

Der Rest des Streifens ist Unterhaltung. Christoph Waltz spielt vermutlich die Rolle seines Lebens als Sprach-Chamäleon, immer sauber argumentierend, aber schleimig wie eine Weinbergschnecke unter Dope. Er zementiert filmgeschichtlich den Typus Nazi für alle Zeit. Eine zweifelhafte Ehre. Aber großartig gespielt.

Mit kleinen Schachtelmontagen (Rückblicken) hilft Tarantino dem vergesslichen Zuschauer, sich in der Handlung zurecht zu finden. Das scheint mir erst beim Schnitt des Films nötig geworden zu sein. Recht plump wirkt das. Aber anscheinend war es nötig, um ein Blockbuster zu werden.

Mit handgeschriebenen Untertiteln und Pfeilen werden Personen vorgestellt. Da wird aus dem Film zeitweise ein Comic-Heft, das sich an den (unbeleckten) Zuschauer anzubiedern scheint. Und als David Bowie "Putting out the Fire" aus "Katzenmenschen" singt, dürfte dem letzten Zuschauer klar geworden sein, dass dieser Film ein Mix aus allem ist, ein Hybride. Woody Allen hat das in den Siebziger Jahren in "Der Stadtneurotiker" ähnlich gemacht. Aber da war es dramaturgisch zwingender und vor allem - neu.

Was halte ich von diesem Film? Ich muss lange überlegen, ob ich ihn mir noch mal angucken würde. Wim Wenders ist auch nicht so mein Fall. So hat jeder seine eigene Art, aus Filmen Erhellendes abzugreifen. Was wäre der Film ohne die Waltz-Rolle? Wertung: 55 Prozent

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