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Kritik von Stefanie Schneider zu 'Männer zum Knutschen'

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Partner von Fantastic Zero
Kritik von Stefanie Schneider
veröffentlicht am 14.08.2012
65%
Ein Mann liegt bewusstlos auf der Strasse. An seinem Körper sind überall Luftballons befestigt. So beginnt "Männer zum knutschen" und erzählt fortan in Form des altbekannten Voice Overs wie Ernst (Frank Christian Marx) in diese Situation gekommen ist.

Aus Kritikersicht hat der Film eine Grundgeschichte. die man so schon hundertmal gesehen. Er hat Schauspieler, die (noch) völlig unbekannt sind und keine Brisanz, die einen packt und nicht mehr loslässt.
Und doch kann man nicht anders als diesen kleinen Film ins Herz schließen.
Er ist eine vollkommene Abkehr der schwul-lesbischen Themen, die einem sonst im deutschen Film serviert werden. Man findet weder eine Coming Out Geschichte, noch übermäßige Probleme, noch Charaktere zwischen 16 und 25 vor. Im Gegenzug dazu wirkt der Film nach außen hin eher wie eine der zahlreichen deutschen heterosexuellen Beziehungskomödien, nur eben mit schwulem erwachsenen Paar im Zentrum.

Aber schon nach einigen Minuten wird einem sehr wohl bewusst, dass "Männer zum knutschen" mit diesen oft immer-gleichen Klischees nicht viel zu tun hat. Sämtliche Figuren hier sind vollkommen überdreht und teilweise bis ins Derbste ins Klischee gezogen. Es wirkt fast so, als ob uns Regisseur Robert Hasfogel zurückspiegeln will, wie viele Heterosexuelle sich Schwule wohl vorstellen. Das hätte auch komplett ins Auge gehen können, ist aber glücklicherweise mit sehr viel Leichtigkeit und Ironie erzählt. Man kann gar nicht andes als den hyperverrückten Tobias (Udo Lutz) und den Naivling Ernst ins Herz zu schließen. Deren Beziehung fängt schon zu Beginn des Films an zu kriseln, denn Ernst wünscht sich mehr Verständnis und Ernsthaftigkeit, die ihm sein Partner Tobias aber nicht bieten kann und will. Genau in diese Kerbe schlägt Ernsts Kindheitsfreundin Uta (Alexandra Starnitzky), der Tobias ein Dorn im Auge ist und ihn deswegen unbedingt loswerden will. Mit dem Auftauchen von Uta wird der ohnehin schon verrückt-absurde Humor des Films nochmal ne Ecke absurder. Denn Uta ist eine schwarzgekleidete Hexe, die in ihren Auftritten mit Tim-Burton-ähnlichem Filmsoundtrack begleitet wird und deren Methoden nicht unbedingt zimperlich sind. Sie bedroht Tobias und manipuliert Ernst um an ihr Ziel zu gelangen. Dieses Ziel wird allerdings nie so ganz klar. Will sie Ernst als Partner haben oder will sie ihn einfach nur als Spielzeug besitzen? Der Film liefert keine klare Antwort. Ebensowenig erklärt er, warum viele Frauenfiguren von Männern gespielt werden, wie etwas Tobias Mutter/Vater Rutila (Marcus Lachmann), die ihrem Sohn zur Hilfe eilt um Uta auszuschalten. Das Fehlen dieser Erklärungen ist aber letztlich eine gute Entscheidung, denn so kann sich der Zuschauer seine eigene Meinung machen. Manchmal schießt der schrille Humor des Films auch mal sehr übers Ziel hinaus. Am krassesten wird das an der Kampfszene mit der bulligen Grundel (viel Mut zur Hässlichkeit: Luise Schnittert) deutlich. Dennoch wird ein sehr realistisches Bild vom heutigen Berlin gezeigt. Ein Berlin mit loyalen Freundescliquen, seltsamen Figuren und zahlreichen Dachterassen. Natürlich könnte man dieser Independent- Komödie jetzt vorwerfen, dass die Handlung eigentlich nur dazu da ist um die Gags voranzutreiben. Könnte man. Will ich aber nicht tun, denn die Einfälle und sprudelnden Ideen des Films sind derart originell umgesetzt, dass man ganz vergisst, dem Film solche Vorwürfe zu machen. Szenen wie die leicht psychedelische Kifferszene im Badezimmer oder die völlig absurde Szenerie im Möbelladen mit einem brillianten Gastauftritt von Ades Zabel sind köstlich inszeniert und gespielt. Im letzten Drittel des Films, wenn man sich längst daran gewöhnt hat einer bekloppten Comedy beizuwohnen wechselt der Film dann überraschenderweise die Richtung und schlägt leisere Töne an. Aus den beiden Klischeefiguren Tobias und Ernst werden dann plötzlich dreiminensionale Figuren, die von ihren Freunden Steffi (Sascia Haj) und Leo (Marcel Schlutt) angespornt werden um ihre Beziehung zu kämpfen. Und ganz zum Schluss schließt sich der Kreis auf eine sehr überraschende Art und Weise.

Dass der Film eine No- bis Low-Budget Produktion ist, merkt man ihm das nur sehr selten an. Die Kamera von Till Caspar Juon zeigt ein sommerliches Berlin, das große Lust auf einen Abstecher in die Hauptstadt macht. Der Soundtrack geht völlig andere Wege wie man es bei so einer Art Film erwarten würde. Die schon vorher erwähnte Tim Burton ähnliche Musik wird ergänzt durch eine Orchestermusik, die viel eher nach Hollywoodkomödie als nach deutscher Kost klingt.

Die unverbrauchten Darsteller spielen ihre Rollen entweder natürlich wie Sascia Haj als fürsorgliche Freundin Steffi oder gekonnt überzogen wie Alexandra Starnitzky, die als boshafte Uta eine besonders gute Figur macht. Udo Lutz als Tobias wechselt glaubhaft vom verrückten Huhn zum verletzten Mann, der nicht willig ist, seinem Freund zu verzeihen. Die Entdeckung des Films ist allerdings Frank Christian Marx als Ernst, der als der einzig Normale im ganzen Zirkus eine wundervolle Identifikationsfigur abgibt und seinen Charakter mit viel Wärme und Emotionalität füllt.
Selbstverständlich gibt es auch einige Dinge zu bemängeln: uninteressante Nebencharaktere tauchen auf und verschwinden ohne jeglichen Grund, einige Szenen wirken von der Regie her wie eine Fernsehepisode und nicht jeder Gag zündet richtig. Aber all das kann man einem Film verzeihen, bei dem man bei jeder Minute merkt, mit was für einem Spass die Akteure gearbeitet haben.

Letzlich ist "Männer zum knutschen" kein großes Kino, aber ein kleiner, unabhängiger Film mit großem Herzen, aberwitzigen Ideen und vielen Luftballons.

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