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Kritik von Benjamin Wimmer zu 'Jack Reacher'

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Kritik von Benjamin Wimmer
veröffentlicht am 08.01.2013
80%
Wenn ein Actionfilm den Namen seines Protagonisten trägt, dann will er ihn zur Marke machen: Bei James Bond, selbstverständlich, noch garniert mit exotischen, bei der Bourne-Reihe wiederum mit reichlich kryptischen Anhängseln - "Jack Reacher" aber ist "Jack Reacher", ohne irgendein pathosbeladenes "Vermächtnis" oder ähnliches hinten dran. Was auch schon die Richtung vorgibt, in die sowohl Film als auch Hauptcharakter später stoßen werden und die doch irgendwie ziemlich verkehrt ist - denn der Fokus liegt zwar eindeutig beim titelgebenden Ermittler, aber mystifiziert wird hier keinesfalls.

Zu Beginn steht ein minutiös inszenierter Anschlag in einer Kleinstadt in Indiana. Ein Scharfschütze richtet scheinbar wahllos fünf Menschen hin, eine sechste Kugel verfehlt ihr Ziel - dann fährt er davon, nur um kurze Zeit später aufgrund eindeutiger Indizien schnell geschnappt zu werden. Kein Wort fällt während dieser Exposition, die ohne Schnickschnack und beinahe gemächlich ein unfassbares Geschehen zeigt. Immer wieder die weite Panoramaeinstellung, dann der Blick durchs Zielfernrohr - diese Anfangsminuten generieren Momente von extremer Intensität allein durch punktgenauen Minimalismus.

Danach steht auch schon Jack Reacher vor der Tür, der zuvor lange untergetaucht war und dies wohl auch geblieben wäre, würde ihn nicht ein persönlicher Hintergrund mit dem vermeintlichen Täter verbinden. Der ist jetzt vor die Wahl zwischen Geständnis und lebenslanger Haft oder Verweigerung dessen und mögliche Todesstrafe gestellt worden, bevor er auf einem Gefangenentransport ins Koma geschlagen wird - ziemlich schnell also nimmt der Film seine Problemfigur aus der Handlung, um die Ermittlung flüssig laufen lassen zu können, was ein geschickter, aber auch ziemlich konstruierter Schachzug ist.

Entgegen dem typischen Rohrkrepierer, der sein großes Potential erfolgreich an die Wand fährt, schafft es Regisseur Christopher McQuarrie, bisher nur mit zwei Drehbüchern und einem einzigen Film aufgefallen, aus den unguten Vorzeichen einen vorzüglichen bis manchmal sogar brillanten Actionfilm zu machen, der oftmals mehr ins Kriminalgenre abdriftet. Denn im Verlauf der Ermittlungen werden die spektakulären Schießereien und Verfolgungsjagden deutlich zurückgeschraubt und einer detailgetreuen Rekonstruktion freien Lauf gelassen.

Die überwältigende Kraft seines Protagonisten stellen zwar nicht wenige Szenen eindrucksvoll unter Beweis (ein wunderbarer Moment etwa der, als eine auf ihn angesetzte Truppe Schläger den vermeintlich beleidigenden Reacher zur Prügelei ganz altmodisch aus der Bar hinaus vor die Tür bittet), stehen aber nicht im Vordergrund. Viel interessanter ist da schon die authentische Rekonstruktion Reachers, der schnell Schauplätze der Tragödie besucht und durch einfachste logische Konsequenzen erbrachte hieb- und stichfeste Beweise als nichtssagend entlarvt - selten hat Argumentation im Kino so viel Spaß gemacht.

Es gibt keine Laptops, Smartphones und schon gar keine speziellen Gadgets, keine teuren Hotelzimmer und edlen Anzüge und weder exquisite Drinks noch exotische Luxuskarossen - wenn es denn, was auch einem Jack Reacher nicht erspart bleibt, mal ins Auto gehen muss, dann röhren die Musclecar-Motoren herrlich altmodisch. Die hektischen Schnitte existieren ebenso wenig wie ein dumpfer Soundtrack, die gigantischen Crashs bleiben aus, ein kleines Rammen ist das höchste der Gefühle. Bezeichnend, dass in diesem großartigen Revisionismus des Films auch Momente in einem Autoteile-Laden spielen und der Showdown auf einer matschigen Baustelle stattfindet.

Von McQuarrie souverän inszeniert, fehlen diesem ersten Leinwandauftritt des vielgelesenen Romanhelden sicherlich die wirklich atemberaubenden Szenen - aber das ist ihm eher positiv als negativ anzuwerten. Von vorne bis hinten (mit einer einzigen Ausnahme: eine kostenlose Philosophielehrstunde mit Dr. Jack Reacher, die sich jedoch glücklicherweise zeitlich in Grenzen hält) stimmt hier das gesamte unaufgeregte und jederzeit hochkonzentrierte Konzept einer Komplottaufdeckung, die den Fokus mal wieder nicht auf einen brillanten Bösewicht, sondern auf die eigentliche Ermittlung legt.

Werner Herzog macht als überlebensgewillter Fiesling The Zec zwar eine wunderbare Figur, ist aber allerhöchstens Nebenbaustein in einer viel umfassenderen Chronik eines Kampfes für das Recht. Denn das vertritt Reacher schließlich, wie es auf Plakatan überdeutlich zu lesen und in TV-Spots andauernd zu sehen war - diese jedoch vermitteln einen Eindruck vom Film, der als fetziger Actioner mit Starpower erscheinen soll. Dabei ist er das komplette, großartige Gegenteil und jetzt schon eines der Highlights des Jahres, von der es gerne nicht nur eine Fortsetzung geben darf.

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