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Kritik von Alexander Kiensch zu 'Bowling for Columbine'

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Partner von Entania
Kritik von Alexander Kiensch
veröffentlicht am 24.12.2012
80%
Am 20. April 1999 richteten zwei Schüler an der Columbine Highschool in Littleton ein Massaker an. Es war weder der erste noch (weiß Gott) der letzte Schulamoklauf, aber wohl derjenige, der sich als erstes tief in die Herzen einer ganzen Nation bohrte. Der umstrittene Dokumentarfilmer Michael Moore nimmt vorrangig diese Tragödie, aber auch andere, ähnliche Ereignisse in seinem Land zum Anlass, den Umgang der amerikanischen Bevölkerung mit Waffengewalt zu hinterfragen.

Was dabei herauskommt, ist definitiv einer seiner besten Filme. Was ihm von vielen angelastet wird, ist dabei meiner Meinung nach das größte Plus des Films: dass er es schafft, trotz eines so bitteren Themas einen Film zu schaffen, der nicht nur lehrreich und kritisch, sondern vor allem unterhaltsam ist. Interviews mit den verschiedenen Parteien (waffenverrückte NRA-Mitglieder kommen ebenso zu Wort wie Angehörige der Amoklauf-Opfer und Künstler, die wegen ihrer Darstellungen oft in die Kritik geraten, wie etwa der Rocksänger Marilyn Manson) wechseln sich ab mit erklärenden Sequenzen - in einer bitterbösen Zeichentrick-Episode wird zum Beispiel die amerikanische Geschichte als eine Geschichte der Gewalt und Unterdrückung geschildert; an anderer Stelle listet Moore amerikanische Militärinterventionen der vergangenen 50 Jahre auf und stellt fest, dass der national bewilligte Massenmord, der im Allgemeinen Krieg genannt wird, moralisch nicht besser ist als ein Schulamoklauf.

"Bowling for Columbine" provoziert mit der emotionalen Kontrastierung, die er anstellt. Er vermag ebenso zu erschüttern, indem er Überwachungsbilder des Amoklaufs und verzweifelte Hinterbliebene zeigt, wie er mit Statistiken fassungslos macht (11.000 Erschossene pro Jahr in den USA im Vergleich zu durchschnittlich 100 in Ländern Westeuropas) und mit Interviews wütend macht. Besonders diese Interviews zeichnen immer wieder das Bild eines Amerikas, das von realitätsfernen Fanatikern unterwandert wird, die Waffenbesitz als gottgegebenes Recht (einer sagt sogar, es sei Bürgerpflicht jedes Amerikaners) betrachten und davon überzeugt sind, dass die einzige Lösung der Waffengewalt nur die Produktion von noch mehr Waffen sei. Auf der anderen Seite ist der Vater eines Columbine-Opfers zu sehen, der sagt, man müsse begreifen, dass Automatik-Waffen keinen praktischen Zweck erfüllen können außer den, schnell und effektiv zu töten. So entwickelt der Film das Abbild einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft, in der beide Fronten so verhärtet sind, dass eine Annäherung unmöglich scheint.

Besonders das finale Interview mit Charlton Heston verstört, zeigt hier der Hollywood-Star und NRA-Vorsitzende doch nicht nur ein geradezu fanatisches Weltbild, sondern auch erste Anzeichen seiner Altersdemenz. Leider gibt es neben solchen intensiven und genial inszenierten Szenen auch einige kleine Schwächen: So wirken besonders gegen Ende einige Szenen sehr gestellt, was vielleicht an der manipulativen Schnittmontage liegt, vielleicht aber auch daran, dass sie tatsächlich gestellt sind. Auch drückt Moore im letzten Drittel zu sehr auf die Tränendrüse, wenn er weinende Mütter und hilflose Direktoren zeigt. Und seine Art der Befragung wirkt besonders bei den NRA-Mitgliedern sehr suggestiv und mitunter geradezu beleidigend.

Dennoch ist "Bowling for Columbine" ein aufwühlender Film, der wütend macht, der leider keine Antworten auf die gestellten Fragen gibt, aber zumindest als Aufklärungswerk, das ein Bewusstsein für die schizophrene Wirklichkeit im so genannten Land der unbegrenzten Möglichkeiten schaffen will, funktioniert. Dass diese Aufklärung durch das Medium Film so gut wie nichts bewirkt hat und dass viele Amerikaner immer noch in diesem abgrundtief dummen Denkmuster gefangen sind - das Waffenproblem wird nur durch mehr Waffen gelöst - zeigen die teils unfassbaren Reaktionen der NRA auf den jüngsten Schulamoklauf in den USA am 14. Dezember 2012. Es bleibt zu hoffen, dass Intellekt und moralische Stärke irgendwann über die Gewaltfanatiker dieses Landes - und der ganzen Welt - siegen mögen. "Bowling for Columbine" ist auf jeden Fall ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

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