Science-Fiction made in Germany. Gibt es nicht? Falsch gedacht! Alle Jahre wieder wartet die deutsche Filmindustrie mit einem Vertreter dieses Genres auf. Leider sind diese Vertreter meist in die Kategorie derer Filme einzuordnen, die die Welt nicht zwingend benötigt. Zuletzt beglückte
Michael Herbig im Jahr 2004 sein Publikum mit der mittelmäßigen Sci-Fi-Parodie "
(T)Raumschiff Surprise". Neun Jahre zuvor versuchte sich Regisseur
Peter Bringmann an einer unsäglichen Weltraumkomödie namens "
Die Sturzflieger". Sucht man wirklich gute oder gar meisterliche Genrekost aus Deutschland ist ein Zeitreise zurück in die 1970er Jahre unerlässlich. Hier gelang
Rainer Erler mit "
Operation Ganymed" ein beachtlicher Film und
Rainer Werner Fassbinder schuf mit "
Welt am Draht" das bisher letzte wahre Science-Fiction-Meisterwerk aus Deutschland. Nun schickt sich
Damir Lukacevic mit seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm an, die gute deutsche Science-Fiction in die Gegenwart zu
"Transfer"ieren.
In naher Zukunft gelingt es der Gentechnikfirma "Menzana" eine Methode zu entwickeln, um die Persönlichkeit eines Menschen in den Körper eines anderen Menschen zu transferieren. Kranken und alten Menschen wird somit die Möglichkeit geboten ihr Leben in einem jungen und gesunden Körper fortzusetzen. Als "Wirte" fungieren hierfür Not leidende junge Menschen, vornehmlich aus Entwicklungsländern. Diese werden dafür bezahlt, dass sie ihren Körper für eine andere Persönlichkeit verlassen, und nur in der Nacht vier Stunden zur Verfügung haben, sie selbst zu sein.
Nach langem Überlegen nimmt das wohlhabende gealterte Ehepaar Hermann (Hans-Michael Rehberg) und Anna (Ingrid Andree) die Dienste von "Menzana" in Anspruch und lässt sich in die jungen Körper der Afrikaner Apolain (B.J. Britt) und Sarah (Regine Nehy) transferieren. Nach dem anfänglichen Hochgefühl ihrer neuen, jungen Körper werden Hermann und Anna jedoch vor mehr und mehr Probleme gestellt. So reagiert nicht nur ihr Freundeskreis mit Unverständnis, zu allem Überfluss bauen auch Apolain und Sarah in den vier Stunden die ihnen vom Tag bleiben eine persönliche Bindung auf. So beginnen die beiden Wirte, allen voran Apolain, sich gegen die Besetzer ihrer Körper aufzulehnen.
Schon der Vorspann zeigt die Richtung des Films. Kühl, futuristisch, unmenschlich. Eine Zurschaustellung schöner menschlicher Körper zum Zwecke der Beraubung ihres Selbst. Dann erfolgt der Übergang zu einem zweifelnden alten Ehepaar, welches wie Hereingerissen in diese Unwirtlichkeit wirkt. Hermann und Anna werden sogleich als warmherziges, liebenswertes Ehepaar eingeführt. Die Situation der Beiden wird nachvollziehbar geschildert und auch ihre Entscheidung für den Transfer ist für den Zuschauer verständlich. Sie bilden das emotionale Herzstück des Films. Zu diesem Zeitpunkt störend wirkt allerdings der plakative Rassismus Hermanns, welcher wie ein Fremdkörper an der Figur klebt. Obwohl diese Eigenschaft für die Entwicklung der Figur von Nöten ist, wäre Lakacevic gut daran gelegen, wenn er sie nicht mit dem Holzhammer präsentiert sondern die Feinfühligkeit der Figureneinführung fortgesetzt hätte.
Nach dem Transfer beginnt Hermann sich schließlich zu wandeln. Zunächst wird seine Persönlichkeit von Arroganz überlagert, was wenig nachvollziehbar ist. Hierauf allerdings beginnt er sich zu entwickeln und nach und nach Verständnis für den eigentlichen Herrn seines Körpers, Apolain, aufzubringen. So verlässt Hermann den Weg des Rassismus und versucht den Menschen, deren Körper er und Anna nutzen, zu helfen.
Auf der anderen Seite werden Apolain und Sarah arg schemenhaft eingeführt. Während Sarah sich in ihre Rolle fügt und gar eine über Tagebuch geführte freundschaftliche Beziehung zu Anna beginnt, bleibt Apolain zerfressen vom Hass auf die weißen Peiniger die ihre Körper schamlos ausnutzen. Trotz dieser verschiedenen Grundhaltungen entwickelt sich zwischen ihnen eine Liebesbeziehung. Leider bleibt diese wenig nachvollziehbar, was umso mehr durch die eher mäßigen Leistungen von B.J. Britt und Regine Nehy sowie die zum Teil arg konstruierten Dialoge ins Gewicht fällt. Weiterhin gelingt es den beiden Darstellern über weite Strecken nicht, Hermann und Anna in dem Maße glaubhaft darzustellen, wie Hans-Michael Rehberg und Ingrid Andree es taten. So werden die beiden Figuren ihrer Wärme und Identifikationsfähigkeit beraubt. Der Transfer wirkt nicht homogen.
Während das emotionale Herzstück des Films durch den Transfer an Glaubhaftigkeit verliert, bietet Lukacevic mit der Figur des Laurin (Mehmet Kurtulus) einen hochinteressanten Charakter auf. Laurin ist eine Art Wächter, der vornehmlich Apolain und Sarah in ihrer Wachphase kontrollieren soll. Kurtulus' Spiel bereitet soviel Freude, dass es schade ist, seinen Charakter nicht weiter in die vordergründige Handlung integriert zu sehen. Zu guter letzt wartet die Handlung um Laurin zum Finale mit einem kleinen Twist auf, der vielleicht keinen großen Knalleffekt hervorruft aber dennoch einen wohligen kleinen Aha-Effekt erzeugt.
Inszenatorisch ist Lukacevic kein Vorwurf zu machen. Der Film ist ein Kinofilm und sieht auch über weite Strecken aus wie ein Kinofilm. Er krankt nicht, wie so viele deutsche Filme, an einer fernsehähnlichen Inszenierung. Kameraarbeit und Schnitt sind ruhig, passend zum Tempo des Films. Ausstattung und Beleuchtung werden bewusst steril und kühl gehalten, was nicht nur eine futuristische, sondern auch ein stets bedrohliche Atmosphäre erzeugt. Diese Zukunftsvision ist kalt und unmenschlich.
Der Inhalt, den Lukacevic versucht zu transportieren, ist ihm hoch anzurechnen. Der Film ist um einiges intellektueller als viele amerikanische Genrevertreter der letzten Jahre. Beispielsweise wird das Thema Organhandel mit dem gezeigten Handel lebender menschlicher Körper brutal auf die Spitze getrieben.
Weiterhin wird die Frage nach der Identität eines Menschen aufgeworfen. Besteht die Persönlichkeit wirklich nur aus dem Inneren oder ist die fleischliche Hülle genauso wichtig um zu sein, wer man wirklich ist? Bin ich immer noch ich in einem fremden Körper?
All die hochinteressanten philosophischen Ansätze überdecken die Unzulänglichkeiten des Drehbuchs und die nicht zu leugnenden darstellerischen Schwächen und machen "Transfer" zu einem sehenswerten Film. Er stellt die ungelenken deutschen Science-Fiction-Versuche der letzten Jahrzehnte in den Schatten ohne dabei allerdings je auch nur in die Nähe eines Meisterwerks à la "Welt am Draht" zu gelangen.