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Kritik von Benjamin Wimmer zu 'Dame, König, As, Spion'

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Kritik von Benjamin Wimmer
veröffentlicht am 01.05.2012
90%
Blicke, überall Blicke: "Tinkor Tailor Soldier Spy" ist pures Misstrauen. Es gibt keinen Körper, alles bleibt stets komplett antiphysisch, vom Zwang des Kampfes ist der Film komplett befreit. Seine Vorlage, John le Carrés gleichnamiger, hochgelobter Roman, erlaubt so etwas nicht. Die Geschichte vom Maulwurf in den höchsten Gefilden des britischen Geheimdiensts bewegt sich im Hypothetischen, Verborgenen und generiert Paranoia anstatt Schmerz, bietet Kälte und Angst statt Luxus und Exotik. Und dieser Antagonismus zum gebräuchlichen Einerlei des Agentenfilms von heute tut einfach nur unglaublich gut.

George Smiley, der "Held" des Films, ist dann auch das komplette Gegenteil eines James Bond. Er ist zusammen mit seinem Vertrauter und Chef Control entlassen worden, als man die Gelegenheit dazu hatte, seine Frau hat ihn verlassen. Wieder mit einbezogen wird er nur, weil man ihm, dem alten Hasen, die größten Kenntnisse zuschreibt und die Suche nach dem Maulwurf mit größter Diskretion durchgeführt haben möchte. Die Wiederaufnahme bereitet ihm anscheinend weder Freude noch Missmut - undurchschaubar bleibt er, dieser George Smiley. Ein Charakter, wie er besser zum Gesamtbild gar nicht passen könnte.

Smiley (was für ein Name!) aber scheint, so viel kann man immerhin herauslesen, jegliche Illusion abgelegt zu haben - so wie fast alle der Erfahrenen auch. Während die jungen Agenten seines Teams an der Unvereinbarkeit von Liebe und Arbeit verzweifeln oder schlichtweg an dem ganz großen Drama ihres Daseins scheitern, bewahrt Smiley stets die Ruhe hinter seinem regungslosen Gesicht und beobachtet lediglich, anstatt wirklich mitzufühlen. Dass diese Methode den größeren Erfolg einbringt, dürfte er gelernt haben. Und doch wirkt er nie unsympathisch: eine wahrlich eindrucksvolle Regieleistung.

Von da an fährt "Tinkor Tailor Soldier Spy" komplett in das Gebiet der Antikonvention. Es gibt keine Identifikation, keine Erläuterungen, keine Pausen: Der unheimliche Geist des Kalten Krieges hat sich längst um den hilflosen Zuschauer gelegt. Die grau-braunen Bilder, die zu schweben scheinen, zeugen von der immensen Konzentration des Films. Er ist streng fokussiert, erzählt von Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Schein und bewahrt trotz allem stets den Überblick, fügt alles logisch zusammen. Kaum ein Werk der letzten Jahre war auf diese Art und ruhig, trist, beinahe stoisch und doch nie ermüdend oder lasch.

Die trotz aller Leere hervorragend evozierte Spannung verhindert dann auch genau dies. Ohne jegliche Schocks oder gar Twists ist "Tinkor Tailor Soldier Spy" bis zur letzten Minute ungemein fesselnd und absolut beklemmend inszeniert, bildet aus seinen unzähligen Verbindungen und Verflechtungen ein durch und durch elektrisierendes Konstrukt, das nie auch nur im Geringsten vorher- oder absehbar ist. Es ist die ständige Angst, die der Film so brillant überträgt: Wie auch Smiley und sein Team sieht der Zuschauer bald in jedem nur noch das potentiell Gefährliche, das vermutlich Verräterische.

Genau diese Atmosphäre wird so von Alfredson außergewöhnlich transportiert. Die Kamera geht nah an die Gesichter heran, erfasst ihre kleinsten Regungen. "Tinkor Tailor Soldier Spy" erzählt dabei viel, ohne überhaupt selbst das Wort zu ergreifen, spiegelt den Argwohn eines jeden einem jedem gegenüber wider und zeigt in seinem undurchdringbaren Handlungsgerüst den ganzen politischen Wahnsinn auf. Er ist ein Film, der seine Epoche, seine Zeitspanne nicht nur vorgibt, sondern auch wirklich darstellt und voll und ganz nachempfindet: Ästhetik und Thematik des Kalten Krieges gehen fließend ineinander über.

In diesem getrübten, absolut unromantischen Bild eines unmenschlichen Berufsalltags läuft das Schauspielensemble schließlich zu Höchstform auf. Insbesondere Gary Oldman als desillusionierter, aber hochprofessioneller George Smiley liefert eine der, wenn sogar nicht die beste Leistung seiner Karriere ab, während etwa John Hurt in der Rolle des paranoiden Control oder trotz seiner eher geringen Screentime vollends zu überzeugen weiß. Sie alle fügen sich dem großen Ganzen, gehen darin aber auch nicht unter und verleihen ihren Charakteren eine eindrucksvolle Ambivalenz und Vielschichtigkeit.

Als ein visuell einzigartiges Meisterstück um Angst und Paranoia startend, entwickelt sich aus "Tinkor Tailor Soldier Spy" schließlich ein komplex verschachtelter Spannungsfilm - eine Wandlung, so unerwartet wie notwendig, so unüblich wie überzeugend. Auf den letzten Metern wagt er noch einmal einen tieferen Blick in das Innenleben seiner Figuren, deren Leben wohl wie gewohnt weitergehen werden. Die Ermittlung war kein Sieg, sondern nur die Pflicht, es ist mehr zerstört als gewonnen worden. Ein großartiger, ein herausragender, ein ehrlicher Film.

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