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Kritik von Fred Maurer zu 'Eichmanns Ende: Liebe, Verrat, Tod'

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Partner von Entania
Kritik von Fred Maurer
veröffentlicht am 29.07.2010
90%
Die Bezeichnung ARD steht für "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland". Gegründet wurde die ARD mit sechs Landesrundfunkanstalten sowie RIAS Berlin. Heute gehören der ARD neun regionale Anstalten sowie die Deutsche Welle an.
www.ard.de

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Enorme erzählerische Dichte der 'Banalität des Bösen'

Eine Filmkritik von Dipl.-Päd. Fred Maurer als Plädoyer für eine umfassende Bildung (auch durch Filme und Dokumentationen) zum Selbstschutz vor einer stets drohenden 'Banalität des Bösen'

Warum nur bringt das öffentlich-rechtliche Fernsehen (hier die ARD) derart sehenswerte Filme bzw. Dokumentationen (und in diesem Fall eine Mischung aus beiden Darstellungsformen, ein Dokudrama von historischer Tragweite) nur so spät?: Nichts gegen Maria Furtwängler als Tatort-Kommissarin - aber diese Folge fanden wir schon vor vier Jahren nur mäßig spannend.

"Eichmanns Ende - Liebe, Verrat, Tod" hingegen ist eine (leider) typisch deutsche Tragödie, der ich atem- und gelegentlich fassungslos gefolgt bin. Nicht alle Zuschauer jedoch können und wollen bis (durch eine aktuell bedingte Verzögerung zudem erst) 22 Uhr warten, um sich auf qualitativ Hochwertiges einzulassen statt gedankenlos die normalzeitige Einheitskost lediglich zu konsumieren. (Eine FSK-Altersfreigabe gibt es nicht - zu Recht, die Grausamkeiten liegen knapp zwei Jahrzehnte zurück und werden nicht gezeigt; diese Begründung entfällt also.)

Bisher hatte ich Herbert Knaup als Schauspieler immer leicht unterschätzt. Dabei war es das dritte Mal, dass er einen Vertreter des Nazi-Terrors darstellte: 1990 hatte er auf der Theaterbühne Hitler verkörpert, vor zehn Jahren dessen Lieblingsarchitekten und Intimus Albert Speer im Film "Nürnberg" (nicht zu verwechseln mit Breloers Dokudrama "Speer und er" von 2002).
In der Rolle des Adolf Eichmann fand ich ihn grandios, obwohl sich die rein äußerliche Ähnlichkeit in Grenzen hält. Diese ist offenbar nicht nötig. Außerdem erleben wir weitere Asse des deutschen Films: Ulrich Tukur als Willem Sassen und Axel Milberg als Staatsanwalt Fritz Bauer - sowie Johannes Klaußner als sympathischen Eichmann-Sohn (tatsächlich der begabte Sohn von Burghart Klaußner, den wir Dokudrama-Fans als Engholm-Darsteller in Breloers "Staatskanzlei"-Tragödie um die Barschel- und Pfeifferaffäre von 1989 kennen) und die bereits bekannte, mehrfach ausgezeichnete Henriette Confurius als seine Freundin, ausgerechnet Tochter eines Juden und KZ-Überlebenden.
Diese Story hätte sich kein Drehbuchautor besser erdenken können (siehe 'DasErste. Reportagen und Dokumentationen', Patricia Schlesinger und Alexander von Sallwitz):
Adolf Eichmann, Cheforganisator der Judendeportationen in die Vernichtungslager und einer der größten Kriegsverbrecher im "Dritten Reich", ist nach Kriegsende untergetaucht.
Er verdingt sich als Holzfäller und Hühnerzüchter, in der Nähe des ehemaligen KZ Bergen-Belsen. 1950 setzt er sich wie viele Nazis nach Argentinien ab, bald folgen Frau und Söhne. Die deutsche Gemeinde in Buenos Aires ist überschaubar,, sie besteht aus Nazis und Juden, also aus Tätern und Opfern.
Eichmann hatte in Buenos Aires Willem Sassen kennengelernt, einen niederländischen SS-Mann, ehemaligen Kriegsberichterstatter und überzeugten Nationalsozialisten. Sassen gewinnt Eichmann für umfangreiche und in ihrer 'Offenheit' unglaublich entlarvende Tonbandinterviews.
Auch Lothar Hermann hat sich 1942 fast erblindet dorthin in Sicherheit gebracht. Seine Tochter Silvia verliebt sich ausgerechnet in Eichmanns Sohn. Diese Liaison soll ihm zum Verhängnis werden: Am 11. Mai 1960 entführt der Mossad Eichmann nach Israel, wo er 1962 nach einem weltweit aufsehenerregenden Prozess hingerichtet wird.
Sassen hatte sein Eichmann-Material zwischenzeitlich weltweit vermarktet...

Die Medienkritik ist durchweg angetan.
So schreibt die 'Berliner Morgenpost': "Natürlich hatte es Knaup einfacher als seine Vorgänger: Der Originalwortlaut des Interviews liegt vollständig vor... Dennoch bleibt Knaups Leistung neben dem überzeugend verdichteten Drehbuch der Spielszenen die Stärke des Films, der freilich auch manche Schwäche hat. So gerät dem wie gewohnt großartig spielenden Ulrich Tukur die in Wirklichkeit höchst ambivalente Figur des Willem Sassen zu sympathisch. Cornelia Kempers hätte wohl mehr aus der Rolle der Vera Eichmann machen können. Ohne Relevanz sind die Zeitzeugen-Interviews; meist handelt es sich um 'Erinnerungen' aus zweiter Hand. Denn die Hauptbeteiligten (sein Sohn und seine damalige Freundin) ... mögen sich auch 50 Jahre später nicht äußern."
Christian Buß meint auf Spiegel Online: "In diesem Spannungsfeld aus Nazijäger-Krimi und Nazi-Sprachanalyse bringt es 'Eichmanns Ende' zu einer enormen erzählerischen Dichte... Dieser Film fordert seinen Zuschauern etwas ab. Denn die tausendfach ausgeleuchtete Figur des Adolf Eichmann, die mit ihrer Technokratenfratze oft erschreckend harmlos wirkte - hier erwacht sie auf einmal zu ungeheuerlichem Leben."
Patricia Schlesinger und Alexander von Sallwitz kommen in 'DasErste' zu diesem positiven Urteil: "Der Film erzählt in einer dichten Verschränkung von historischem Bildmaterial, Berichten von Betroffenen und Zeitzeugen sowie dokumentarischen Spielszenen die fast unglaubliche und streckenweise unbekannte Geschichte von der Entdeckung und Ergreifung des Organisators der Massendeportationen europäischer Juden.
Nicht zuletzt die hochkarätige Besetzung der Spielszenen macht das Dokudrama zur packenden Darstellung eines schrecklichen Kapitels in der deutschen Geschichte."
Barbara Waldvogel behauptet in der (von uns Aalenern täglich gelesenen) 'Schwäbischen Zeitung', der Film müsste "auch Zweifler am Genre des Dokudramas überzeugen".

Zu diesen Zweiflern zählte ich freilich noch nie - und so war ich am Ende der rasch vergangenen 90 Minuten bewegt und nachdenklich: Sind womöglich auch wir anfällig für die 'Banalität des Bösen', wie die jüdische, deutsch-amerikanische Philosophin, Publizistin und Gelehrte Hannah Arendt sie (in Abgrenzung des"radikal Bösen" nach Emanuel Kant) Eichmann und allen Nazi-Mittätern zuschrieb?
Was uns hilft und bewahrt, ist umfassende Bildung - an der wir täglich arbeiten sollten: Und hier sind Filme und Dokumentationen der wohl attraktivste Weg mit nachhaltiger Wirkung.

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