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Kritik von Joachim Meßner zu 'Man on Wire'

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Partner von Fantastic Zero
Kritik von Joachim Meßner
veröffentlicht am 06.02.2009
75%
Die Greenscreen-Technik bzw. Bluescreen-Technik ist ein Verfahren in der Film- bzw. Fernsehtechnik, das es ermöglicht, Gegenstände oder Personen vor einen Hintergrund zu setzen, der entweder eine reale Filmaufnahme oder eine Computergrafik enthalten kann.
Jeder Mensch hat Albträume, jeder Mensch hat Ängste. In diesen Film zu gehen, heißt, sich seinen eigenen Albträumen zu stellen. Es ist ein Wagnis. Denn sobald man den Protagonisten, den Seiltänzer Philippe Petit (was für ein Name!) kennenlernt, will man, dass er überlebt, will man, dass er aufhört mit seinen Spaziergängen in luftiger Höhe. Denn er ist ein Mensch, der Begeisterung verströmt, voller Humor ist, voller Kindlichkeit erzählt.

Und wenn er zu Beginn des Streifens weit über den Dächern von Sydney oder Paris mit seiner langen Balance-Stange Fuß vor Fuß setzt, der Wind ihn vom Seil schubsen will, packt einen als Zuseher das Grauen. Für kein Geld des Universums würde man so etwas tun. Allein das Zusehen im Kinosessel zaubert Schweiß auf den Nacken. Warum macht er das? Um das zu erfahren, dafür gehen wir ins Kino.

Es sei gleich gesagt: der Film hat viele Mängel. Er fängt z.B. wie ein Mega-Krimi an, gedreht wie ein Einbruch in Fort-Knox. James Marsh, der Autor des Films, will damit Spannung aufbauen. Aber es wirkt auf mich total aufgesetzt und überzogen. Der Regisseur traut seinem eigenen Material nicht. Und das ist so stark, dass man daraus viele Filme machen könnte. Aber nein: der Film startet aufgeplustert, will uns gängige Dramaturgie-Muster unterjubeln. Wie schön wäre es gewesen, wenn man uns diesen Ausnahmemenschen Petit behutsam vorgestellt hätte, Schritt für Schritt - wie auf dem Seil, nicht überstürzt, nicht kinotauglich dramatisiert. Das hat der Stoff nicht nötig. Unser Interesse als Zuschauer ist so riesig groß, da braucht man keine dramaturgischen Handkantenschläge ins Genick.

Aber sei's drum. Der Film gewinnt mit fortschreitender Spieldauer, weil zwei Dinge zusammenkommen. Erstens: Petit will 1974 von einem Turm des WTC (World Trade Center) in New York auf den anderen Zwillings-Turm marschieren, eine Strecke von 60 Metern in 415 Metern Höhe über den Dächern von Lower-Manhattan. Zweitens: durch die Anschläge auf die Twin-Towers 2001 ist unsere Wahrnehmung der beiden New Yorker Giganten eine ganz besondere. Wir sehen im Film den Bau der beiden Türme und haben im Kopf die Zerstörung durch arabische Terroristen. Das ist Brisanz genug.

Petit schafft es als Franzose mit seiner Mannschaft aus Freunden, Bekannten und einer Handvoll New Yorkern, diesen "Coup" am WTC zu landen. Denn niemand darf in dieser Höhe auf einem Drahtseil über dem Finanzdistrikt New Yorks spazieren gehen. Da oben pfeift der Wind. Keine Behörde hätte das genehmigt. Also schmuggeln sich Petit und seine Helfer nachts, ähnlich wie ein Terrorkommando, in die beiden Gebäude am Südufer von Manhattan. Das hat etwas Konspiratives und wird im Film mit einem zwinkernden Auge betrachtet. Allein dieser Umstand verbraucht einen Großteil der Filmzeit, als wäre er so wichtig für den Fakt, dass ein Mann in einem halben Kilometer Höhe auf zwei Zentimeter Stahlseil, das schwingt, sich verdreht, nachgibt und federt, mit stoischer Ruhe Fuß vor Fuß setzt, abrupte Drehungen vollführt, sich hinsetzt, hinkniet und auf den Rücken legt, als wenn er sich zwei Meter über dem Boden befände. Hier verschenkt der Film Einsichten in das Innere des Künstlers Petit.

Von wunderschönen Musiken von z.B. Vaughan Williams (The lark ascending), Satie (Gymnopädie) und Filmkomponisten Michael Nyman untermalten Szenen staunt man Bauklötze, wie dieser blonde, schmächtig wirkende Mann mit der Stuppsnase völlig ohne Schwindelgefühle auskommt. Was für eine Beherrschung des menschlichen Körpers! Petit scheint in seinem Tun in sich zu ruhen voller Selbstvertrauen, mächtiger als Troja-Held Achilles, als Wimbledonsieger Becker und Olympia-Sieger zusammen. Ein Mensch, der Abgründe zum Leben braucht wie andere schmackhafte Kalorien. All das wird im Film nicht thematisiert. Sogar der Rückblick mit kargen S/W-Fotos auf seine Kindheit wird, aus Angst jemanden könnte den Kinosaal vorzeitig verlassen, in einem Split-Screen mit anderen Aufnahmen gezeigt. So wenig Interesse beim Zuschauer vermutet der Regisseur an seinem schwindelerregenden Hauptdarsteller. Schade.

Freund und Helfer Jean-Francois Heckel, der immer wieder treu und redlich das "Projekt WTC" in langen O-Tönen spannend und unfreiwillig sentimental rekapituliert, muss zweimal vor der Kamera weinen. Wenn ein solcher Mann weint, muss einiges dahinter stecken. Aber man erfährt nicht was. Ein Mangel des Films.

Die New Yorker Polizei legt Petit nach 44 Minuten und sechs Mal Hin- und Her auf dem 60 Meter langen Seil noch oben auf dem windigen WTC in Handschellen. Der Richter spricht ihn sofort frei, weil nichts Negatives geschehen war. Petit b**st sofort anschließend mit einer Frau, die sich ihm im Trubel auf der Straße an den Hals wirft und ihn wie einen Helden verehrt: ein echter Groupie. Petit ist zu dem Zeitpunkt immerhin langjährig liiert mit seiner Jugendfreundin, die ebenfalls mit nach New York gekommen ist und stolz auf ihn wartet, während er sich seinen Triumph und Höhenrausch in einem schäbigen New Yorker Hotel aus den Lenden "f***t". Der Film stellt die Szenerie in eindeutigen und fast voyeuristischen, nachgestellten Aufnahmen dar. Es folgt der Bruch der Jugend-Freundschaft. Und da endet der Film. Was ist aus seinen Mitstreitern geworden, was aus Petit, der danach angeblich nicht mehr dem Hochseil frönte? Außer Andeutungen erfährt man nichts. Schade. Denn dieser Mann im Spannungsfeld zwischen unreifem Kind und nie alterndem Weisen hätte ein vollständiges Bild seiner Lebensumstände verdient. Hier patzt der Film gewaltig.

Nach vielen internationalen Preisen 2008 greift nun dieser Dokumentar-Film nach dem Oscar in Hollywood. Bei allem Respekt: Für einen Oscar reicht in meinen Augen der Film nicht aus. Philippe Petit ist einfach mehr als die Summe seiner Höhenspaziergänge. Aber das wird uns letztlich vorenthalten.

Dennoch ein toller Film. Nur 75 Prozent Wertung, weil man sich in einem Kinosessel - 40 Zentimeter über dem Boden - zu viele Fragen stellen muss, die geflissentlich ausgeklammert werden.

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