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Kritik von Fred Maurer zu 'Sprache und Literatur: Schiller, Brecht - Parallelen'

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Kritik von Fred Maurer
veröffentlicht am 16.05.2008
85%
Ein Remake ist eine Neuverfilmung eines bereits existierenden, meist mehrere Jahrzehnte älteren Films.
Das ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) ist eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt, die seit April 1963 bundesweites Fernsehen ausstrahlt. Der Sitz des Senders ist in Mainz, neben dem Zweiten gehören dem ZDF unter anderem die Sender 3sat, Phoenix und arte (zumindest teilweise) an.
www.zdf.de

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Eine Lehrfilmkritik von Dipl.-Päd. Fred Maurer in dankbarer Erinnerung an seinen damaligen großartigen Deutschlehrer Herrn Prof. Horst Pulkowski, Studiendirektor a.D. am Mannheimer "Lessing"-Gymnasium, das in seiner über 100jährigen Geschichte manche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Kunst und der Wissenschaft hervorgebracht hat, zwischen den Maximen "Was man nicht aufgibt, hat man nie verloren" (aus Schillers "Maria Stuart" II, 5) und "Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen, ... muss länger leben als die Gewalt" (aus Brechts Parabel "Maßnahmen gegen die Gewalt")

Die Königinnen Schillers und die Fischweiber Brechts - (k)ein Vergleich?

Lohnt es sich, einen knapp halbstündigen, somit eher unterrichtsstunden- als abendfüllenden Lehrfilm des "Süddeutschen Rundfunks" (in diesem Fall zur medialen Ergänzung wie als hedonistischer Höhepunkt eines methodisch vielfältigen Deutschunterrichts an allgemeinbildenden Schulen) noch dazu aus dem Jahr 1980 mit einer leidenschaftlichen Filmkritik zu bedenken? Darf man das überhaupt? Geht das ohne pädagogischen Zeigefinger, wenn der Rezensent selbst Deutschlehrer ist (und gelegentlich dankbar auf solche "Konserven" zurückgreift)?
Die Begeisterung für klassische Literatur (etwa Friedrich Schillers Tragödie "Maria Stuart") und die längst etablierte Moderne (etwa Brechts proletarisches Anti-Trauerspiel "Der Streit der Fischweiber") brach in meinem Fall nicht erst bei der Betrachtung der Schulfunksendung aus (knapp drei Dekaden später, Ende 1998 als montagmorgendliche Sendereihe), sondern geht auf das Jahr 1972 zurück. Wir waren mäßig motivierte Zehntklässler, die eher Fußball (zu Zeiten der ersten erfolgreichen Europameisterschaft und kurz vor dem legendären Siegtor des soeben in der Verlängerung eingewechselten Günther Netzers im DFB-Pokalfinale gegen Köln) und zunehmend Mädchen im Kopf hatten, weniger das Lesen anspruchsvoller Bücher oder gar (tatsächlich artfremd) von Theaterstücken.
Erstens hatten wir Theater zuhause und in der Schule gerade genug zweitens taugen Dramen eher zum Angucken richtig im Theater, nicht etwa vor dem Fernseher. Ab und zu durften oder mussten wir mit unseren (was unsere Zukunft betraf, die einmal die ihre übertreffen sollte) ehrgeizigen und bildungsbeflissenen Eltern in das sogenannte "Kleine Haus" (wo selbst im ehrwürdigen Mannheimer "Nationaltheater" die damalige modernistische Inszenierung möglichst weit weg von der Werktreue der altvorderen Regisseure als Verfremdungseffekt wenigstens die Barbusigkeit vorsah und unsere Fantasie durchaus in Gang setzte, sozusagen das Angenehme mit dem Nützlichen verbindend) oder in das "Große Haus" der Oper (wer je einmal im Auftrag seiner opern- und klassikbegeisterten Mutter ein im 19. Jahrhundert aus dem Italienischen ins Deutsch übersetztes Libretto hat lesen müssen, ahnt, wie wir unter den wohlmeinenden pädagogischen Absichten unserer Eltern gelitten haben).
Die Begeisterung in diesem Fall für Schillers Tragödie um "Maria Stuart" (und ihre übermächtige Widersacherin Elisabeth I.) war auch nicht ausschließlich intrinsisch motiviert: Ich hatte aus pubertärer Lässigkeit und arroganter Dummheit die letzte Deutscharbeit gründlich verhauen, meine vermeintlich sichere Zwei war schwer in Gefahr, ich musste sie mit dem obligatorischen Aufsatz nach der anstrengenden Lektüreeinheit retten.
Uns Spät-68ern lag freilich auch das Zentralmotiv einer aussichtslosen Auseinandersetzung, mit der allein Maria ihr Leben hätte retten können - freilich um den Preis ihrer Würde und Ehre. Wenige Jahre zuvor hatten wir schon einmal erlebt, dass diese verbal ausgetragenen und somit hochemotionalen Konflikte tragisch enden müssen: als wir 1966 im Kino die "Nibelungen" sahen, erst den muskelbepackten, doch leicht debilen Helden aus Xanten und einen damals als Wunderwerk der Bühnentechnik gepriesenen alten schwerfällig-mechanischen Drachen (der heute keinem mehr Angst einjagen könnte), sodann den Streit zweier schöner, je betrogener und eifersüchtiger Königinnen, schließlich die heimtückische Ermordung des Drachentöters und leichtfertigen Frauenschwarms an einer Quelle im Odenwald als Ausgangspunkt eines Massenschlachtens im zweiten Teil, den uns die Eltern, besorgt um unser Seelenheil, nicht mehr erlaubten. (Seither war uns der Durst auf Mineralwasser vergangen, ab sofort tranken wir eher heimisches Bier, mit dem Rücken zur Wand.)
Ob dieser in einer berühmten mittelalterlichen Sage von einem bedeutenden, wenn auch (aus Standesgründen?) unbekannten Dichter geschilderte (und seither mehrfach verfilmte) Streit dem romantischen Klassiker Schiller als Vorlage diente?

Sodann: Sind sich die mächtige englische Königin Elisabeth I. und die ihr ausgelieferte schottische Kollegin Maria wirklich nie begegnet? Künstlerische Fiktion als zum Mythos geronnene Legende ist nämlich stärker als vordergründige Realität: Bedeutende Schriftsteller erschaffen in ihren Werken eine eigene Welt, die uns mehr fasziniert als das banale Leben.
Zudem erfüllt sich in dem unmittelbaren Erlebnis dieser (und einiger weiterer) fiktiver, literarisch überhöhter Auseinandersetzungen ein Wunschtraum von uns, die wir oft genug (nicht nur als unterbezahlte und zudem heimlich kameraüberwachte Tagelöhner, sondern auch als überbelastete Jungakademiker bzw. als altgediente Zwangsvorruheständler) beruflich entweder ausgebeutet oder missachtet werden und hier vermeintlich wehrlos sind: Die weder bei Schiller noch bei Brecht keineswegs vorbildliche, im Doppelsinn "gebrochene", doch zumindest im Vergleich mit ihrer Widersacherin sympathische Protagonistin wehrt sich immerhin gegen die anmaßende, ungerechte Antagonistin, wenn sie sich auch um Kopf und Kragen redet, sich leider zu Beleidigungen unter ihrer Würde hinreißen lässt, ins Gefängnis kommt oder gar hingerichtet wird - ihr moralischer Sieg überragt ihre juristische Niederlage bei weitem. Und doch sollten wir die klassische Tragödie an dieser Stelle "gegen den Strich lesen" und uns analog zu Brechts Parabel "Maßnahmen gegen die Gewalt" fragen, wie wir nicht nur unser moralisches "Rückgrat" retten können, sondern zugleich das leibliche. Mit unserem Heldentod ist nämlich keinem gedient - schon gar nicht uns selbst.

Die zugleich literaturwissenschaftlich und ethisch-pädagogisch motivierte und ambitionierte Fernsehsendung ist denkbar einfach strukturiert, lädt gerade durch ihre formale Schlichtheit zum Nach- und Weiterdenken oder auch zum Rollen- und Stegreifspiel ein, erreicht womöglich sogar interdisziplinär-lebensbezogen, dass wir uns künftig in Konfliktfällen anders verhalten, besonnener, gelassener, vor allem aber (die pubertäre Fußballvergangenheit wirkt selbst in unseren wissenschaftspropädeutischen Versuchen nach) in quasi "kontrollierter Offensive" zivilcouragiert statt verzagt.
Zunächst belehrt uns ein hinter dem Theatervorhang vortretender Dramaturg in gelinder Untertreibung über die Eckdaten: "Friedrich Schiller und Bertold Brecht - sie beide gehören zu den großen Dramatikern der deutschen Literatur." Beide hätten sich "aus ihrem Weltverständnis heraus einer bestimmten Theaterform bedient" und versucht, "die Menschen und ihre Verhältnisse zu deuten". Ein Vergleich könne das Gegensätzliche herausarbeiten - aber auch das Gemeinsame.
Diesen Vergleich hat Brecht, inzwischen selbst ein "Klassiker", angestrebt und provoziert, indem er die Schlüsselszene aus Schillers Tragödie aus dem Gesamtzusammenhang herausgelöst und auf zeitlos proletarischer Ebene (unter deutlichen Anspielungen bis hin zu wörtlichen Zitaten) neu gestaltet hat.
1939 hat er auch seiner Frau zuliebe "Übungsstücke für Schauspieler" verfasst, indem er mehrere "Klassiker" der Weltliteratur verfremdend bearbeitete.
Aus Schillers "Streit der Königinnen" wird so Brechts "Streit der Fischweiber".

Sodann folgt zunächst das "Original" aus dem Jahr 1800: aus dem Trauerspiel "Maria Stuart" der Dritte Auftritt des 3. Akts (besser bekannt als "Streit der Königinnen").
Die Filmemacher wählten eine Jahrhundertfassung speziell für das Schwarzweißfernsehen von 1963 aus: In der sowohl bühnen- als auch fernsehgerechten Inszenierung des bedeutenden, 1991 verstorbenen Regisseur Hans Lietzau spielten die große Charakterdarstellerinnen Agnes Fink (in der Titelrolle) und Elfriede Kuzmany (als Elisabeth) sodann Fritz Rasp (1931 der Gauner Grundeis in der Erstverfilmung von Kästners "Emil und die Detektive"), Hans Söhnker (später in den beliebten Serien "Forellenhof" und "Salto Mortale" zu sehen), Hans-Christian Blech ("08/15" 1954, "Die Brücke von Remagen" 1969, 1990 "Wer zu spät kommt" als Erich Honecker) und der damals noch junge Klausjürgen Wussow (der zwei Dekaden später als Chefarzt in der ZDF-Dauerserie "Schwarzwaldklinik" zwischen 1984 und 1989 zu fataler Berühmtheit gelangen sollte).
Die Handlung ist wahrscheinlich bekannt: Die Königinnen von England (Elisabeth I.) und Schottland (Maria) treffen aufeinander und können trotz beschwichtigender Bemühungen ihrer Paladine nicht daran gehindert werden, sich in der Eskalation ihres Konflikts immer tiefer in tödliche Feindschaft zu verstricken.
Die aufmerksame Betrachtung allein dieser Szene ersetzt zumal nach der behutsamen Einführung des Sprechers im Sinn exemplarischen Lernens die langwierige (und für junge Leser oft langweilige) Lektüre des gesamten Dramas.

Gänzlich neu ist die Idee Brechts keineswegs, klassische Stoffe in die Gegenwart zu transferieren und hierbei die soziale Ebene zu wechseln: Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts hatte der immerhin in zwei Opern (Wagners und Lorzings) und einem Goethe-Gedicht verewigte "Nürnberger Meistersinger" und Volksdichter Hans Sachs sein noch heute gerne bei Schulabschlussfeiern aufgeführtes Fastnachtsspiel und Knittelversepos "Der Krämerskorb" geschrieben, in dessen Verlauf die tragikomischen Figuren auf drei sozialen Ebenen streiten (der Knecht und die Köchin - der Krämer und seine Frau - ein sonst so vornehmes Gutsbesitzerehepaar), freilich in gänzlich anderer Intention als Schiller (und später Brecht) sowie mit der eher platten und angesichts unserer erhöhten sozialen Verantwortung heute fragwürdigen Moral, sich aus Konflikten anderer herauszuhalten, wie aus dem Schlusswort des verprügelten Knechts deutlich wird ("Fürwahr, es sollt kein weiser Mann sich fremden Haders nehmen an...").
Brechts soziale Umgestaltung ist freilich höchst originell und in seiner Wirkung auf ihr Publikum nachhaltig: die konkurrierenden Marktstände und ihre von Alter, Attraktivität, Beliebtheit und (was eben nicht zwangsläufig kongruent ist) Ansehen her unterschiedlichen Betreiber der geschürte Konflikt als Intrige schließlich die überdeutlichen Zitate, Anspielungen und Paraphrasen, als sei eben doch Schiller Brechts heimliches Vorbild. (Während und zu Beginn Elisabeth sich anmaßend, blasphemisch selbst preist: "Mein gutes Volk liebt mich zu sehr... So ehrt man einen Gott, nicht einen Menschen", und Maria bestürzt erkennt: "O Gott, aus diesen Zügen spricht kein Herz!", schneidet ihr Pendant Frau Scheit nur auf: "Aus der Hand haben sie's mir gerissen... Die Leut' sind wirklich ganz närrisch!" - und Frau Zwillich entgegnet: "So redet eine nicht, die noch einen Funken Mitgefühl hat!"
Sodann Maria: "Seht! Ich will alles eine Schickung nennen: Ihr seid nicht schuldig, ich bin auch nicht schuldig...", was die Zwillich vereinfacht paraphrasiert: "Schauens, ich will alles einen Zufall nennen. Sie sind nicht schuldig. Ich bin nicht schuldig."
Ein letztes Beispiel weitestgehender Angleichung . Maria beteuert: "... ich kann sagen, ich bin besser als mein Ruf!" - die Zwillich echot: "... kann ich nur sagen, ich bin besser als mein Ruf.")
Die alte Fischverkäuferin (Frau Scheit) und ihre junge Konkurrentin (Frau Zwillich) prallen ebenso aufeinander wie Schillers Königinnen, ohne dass ihre Vertrauten dies verhindern können. Auch hier überzeugen Darsteller und Inszenierung: Ingeborg Lapsien als Frau Scheit und Ulrike Bliefert als Frau Zwillich brillieren unter der eher konventionellen Regie von Heiner Schmidt (nachdem beide bemerkenswerterweise auch Schillers analoge Figuren gespielt hatten).

Auch wenn die Brecht-Bearbeitung sich erstaunlich nahe an Schillers klassische Tragödie anlehnt, geradezu eine thematische Einheit bilden, fast als ob die eine Szene künftig die andere als komplementäres Pendant benötige: Die beiden Jahrhundertschriftsteller streben gegensätzliche Dramenkonzeptionen an, hinter denen ebenso gegensätzliche Weltsichten steckten.
1784, zu Zeiten des "Sturm und Drang", hatte Schiller in der immer schon kulturell bedeutsamen Universitätsstadt (und früheren Residenz) Mannheim eine wegweisende Rede gehalten: "Die Schaubühne als moralische Anstalt". Hier begründete er (im Doppelsinn) die auf Bildung basierende nationale Kultur des "Aristotelischen Theaters", auf das sich auch die nachfolgenden Epochen Klassik und Romantik berufen werden.
Schillers Schaubühne will als Leitmedium für die Schulung "idealer" Staatsbürger, zudem als informeller Gerichtshof ein überzeitliches "Sittengesetz" verkörpern sie sei, ein illusionärer, ja gefährlicher Anspruch, neben Staat und Religion die "dritte Gewalt" im gesellschaftlichen Leben sie habe das ethische Bewusstsein des Bürgers zu fordern und zu fördern, diene somit der Aufklärung im Sinne von Kants "Kategorischem Imperativ". Schillers Emotionstheater will das Verhalten der letztlich uns zu Zuschauer belehrenden und symbolisierenden Protagonisten hinterfragen bzw. korrigieren, spricht hierzu alle menschlichen Sinne an und kann so eine besondere Wirkung entfalten ("Prinzip der Ganzheitlichkeit").

Dieser gegenüber der Staatsgewalt affirmativen Weltsicht Schillers können wir heute nicht mehr vorbehaltlos zustimmen - spätestens seit der politische Lyriker Günther Eich uns mit seinem berühmten Gedicht aufgerüttelt hat: "Schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind! ... Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!"
Unsere intrinsische Verpflichtung heißt nicht Anpassung um jeden Preis (auch um den der Selbstaufgabe), sondern Auflehnung, Protest, Veränderung der unzumutbaren Lebensverhältnisse: Die Kunst ist auch heute nicht wertfrei und insofern wichtiger denn je.

Bereits eine Dekade vor Eichs vielzitiertem (und -missbrauchten) Aphorismus hatte Brecht Schillers bürgerliches Theaterkonzept als elitär, hierarchisch und autoritär kritisiert. Es sei, so Brecht, nur für das gebildete Bürgertum gedacht, ökonomische Aspekte würden ausgeklammert. Wer wie das Bürgertum im Wohlstand lebe, könne mühelos Ideale propagieren wer aber um die nackte Existenz kämpfen müsse, stehe vor ganz anderen Problemen (bekannt ist sein deftiges Bekenntnis: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral"). Brecht setzt der moralischen Konzeption Schillers einen analytisch-politischen Ansatz gegenüber: das "Epische Theater" mit seinen bekannten Verfremdungseffekten, um das Publikum der Illusion realistischer Wahrnehmung zu berauben und es zu zwingen über das eben doch "nur" künstlich Dargestellte nachzudenken.
Ambitiöse Aufgabe dieses Theaters sei es, die politischen Mechanismen hinter Not, Elend und Unterdrückung herauszuarbeiten und im Sinne der (heute wohl aus unserer Sicht endgültig als überholt-aussichtslos geltenden) sozialistischen Lehre auf eine Weltveränderung hinzuwirken.

Die Gegenüberstellung des Schillerschen Hochadels und der Brechtschen Proletarier klammert zwangsläufig uns aus, die wir großteils der so genannten "Mittelschicht" angehören, deren banale oder auch existenzielle Konflikte freilich alltäglich verfilmt werden (denken wir an die leider ein wenig langatmige Fernsehverfilmung des Lenz-Romans "Deutschstunde" von 1970 und dessen konfliktreicher Feindschaft zwischen dem so "gefährlichen" wie "verbotenen" Maler und dem einst mit ihm befreundeten, auf ihn angesetzten Polizisten an die harmlose Hausangestellte aus Bölls Romansatire "Die Verlorene Ehre der Katherina Blum", die zufällig einen Bundeswehrdeserteur und Dieb kennenlernt und von einem tatsächlich skrupellosen Kommissar stundenlang verhört wird oder in Rothemunds gleichnamigen großartigem Film an die Widerstandskämpferin "Sophie Scholl" und ihren zunehmend beeindruckten Vernehmer Mohr - lauter moralisch Überlegene, die dennoch chancenlos verlieren, ihren Beruf, ihre "Ehre", ja ihr Leben).
Dass eine Identifikation mit beiden verwandten Handlungssträngen dennoch gelingt, liegt an mehreren Faktoren: an unserer Anteilnahme an realer Geschichte (sowie erst recht an aus ihr deduzierten fiktiven Geschichten) und an menschlichen (d.h. gerechten, integrativen statt ausgrenzenden) Arbeitsbedingungen (sowie an unserer Teilhabe daran) an unserer Empathie (sich in andere Mitmenschen aus anderer Zeit und von anderem sozialen Status hineinzuversetzen wie etwa in eine gefangene und mit dem Tode bedrohten Königin oder aber in eine ungerecht angezeigte Marktverkäuferin) und unserer sozialen Fantasie, mit ihnen zu leiden und sich mit ihnen zu empören an den jeweils glänzenden schauspielerischen Leistungen und einer je schlüssigen Inszenierung.
Die großen Werte sind eben zeit- und klassenlos: Zivilcourage, menschliche Würde, unser Gewissen - und die auf argumentative Überzeugungskraft gründende Fähigkeit, auf Herabsetzungen und Beleidigungen um unser selbst willen zu verzichten.

Die Werkgeschichte um Macht und Streit geht indessen weiter.
So erinnern sich die etwas Älteren unter uns an eine zweite, gefällige Fernsehfassung in satter Farbe von 1985 mit (wer hätte ihr dies zugetraut?) Anja Kruse als Maria und Daniela Ziegler als (verfremdend attraktive) Elisabeth sowie einigen aus Fernsehserien vertrauten Mimen (Karl Walter Diess, zeitgleich gichtkranker Oberarzt der "Schwarzwaldklinik").
Und auch wenn der Zusammenhang zwischen monarchistischem Machtstreben und terroristischer Gewalt auf den ersten Blick an den Haaren herbeigezogen erscheint, wirkt Elfriede Jelineks jüngste Bühnenbearbeitung "Ulrike Maria Stuart" konsequent, ja gesellschaftlich notwendig, ihre These zumindest von der künstlerischen Freiheit und dem Recht des Schriftstellers auf fokussierende Darstellung gedeckt, zudem von einem auch schon "klassischen" Appell ihres Nobelpreiskollegen Heinrich Bölls beglaubigt ("Will Ulrike Meinhoff Gnade oder freies Geleit?"): dass das autoritäre Auftreten des (gegen harmlose Demonstranten wie Benno Ohnesorg) damals gewaltbereiten Staates die weitgehend friedliche 68er Bewegung zu terroristischen Auswüchsen eskalieren half - und dass linke Intellektuelle wie eben Ulrike Meinhoff zwar nicht in ihren kriminellen Vergehen, aber in ihren anfangs nachvollziehbaren politischen Überzeugungen mehr psychologisch-pädagogisches Verständnis verdient gehabt hätten, ehe deren weniger intelligente, primär kriminelle Mitläufer und Trittbrettfahrer der zweiten Generation unser Land 1977 fast in Brand steckten.
Nur eine naive Utopie?: Bölls geforderte "Gnade" hätte vielleicht die terroristische Gnadenlosigkeit seit Mitte der 70er im Keime erstickt. Auch hierzu gibt es gelungene, ja ausgezeichnete und empfehlenswerte Filme ("Stammheim" von 1986 mit Ulrich Tukur als Andreas Baader und Ulrich Pleitgen als autoritär-verständnisloser Richter nach dem immer wieder neu aufgelegten Bestseller "Der Baader-Meinhoff-Komplex" von Stefan Aust und seinem eigenen Drehbuch Heinrich Breloers Dokudrama "Todesspiel" von 1997 mit dem unvergessenen Hans Brenner als Hanns-Martin Schleyer und Sebastian Koch als Andreas Baader, ebenfalls eine Sternstunde des deutschen Fernsehspiels demnächst Bernd Eichingers vielversprechendes Remake "Der Baader-Meinhoff-Komplex" mit Moritz Bleibtreu als Andreas Baader und Martina Gedeck als Ulrike Meinhof, das im Herbst dieses Jahres 2008 in die Kinos kommt).
Ein abschließender Aspekt: Aus Schillers Tragödie lässt sich heute außer einen menschlichen Umgang mit Gefangenen auch das Postulat eines weltweiten Verzichts auf die Todesstrafe ableiten - ja deren Ächtung.

Das Video des sehenswerten Lehrfilms "Sprache und Literatur: Parallelen" ist (z.B. via Internet über das Medienzentrum Hessen) bestellbar. Noch sinnvoller (und billiger) wäre eine Fernsehwiederholung zumindest auf verschiedenen Dritten Programmen - und zwar weder um sechs Uhr morgens noch nach Mitternacht.
Dem Glücklichen schlägt zwar keine Stunde, wie es in Schillers "Wallenstein"-Trilogie so treffend heißt. Zugleich gilt aber auch das Sprichwort "Morgenstund' hat Gold im Mund" - und da wir heutzutage zwar vor eitlen Königinnen, aber keineswegs immer vor intriganten Kollegen oder uns übel gesonnenen Vorgesetzten gefeit sind, sollten wir im Alltag ausgeschlafen sein, um Konflikte gelassen und selbstbewusst im Sinne einer "Winwin"-Lösung (zu beider Gunsten) lösen zu können.
Erst dann haben die einschlägigen Lektionen von 1972 (im Klassenzimmer) und 1998 (im Fernsehsessel) ihren vollen, endgültigen Sinn.

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