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Kritik von Manfred Harms zu 'Winchester '73'

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Kritik von Manfred Harms
veröffentlicht am 29.04.2011
100%
Biopic ist der englische Begriff für eine Filmbiografie, die aus dem Leben einer Person erzählt, die tatsächlich lebt oder gelebt hat.
Ein anderes Wort für Drehbuch. Auch Webseiten basieren zumeist auf Scripten, meistens PHP. Aber das ist ein anderes Thema! ;-)
Winchester 73

Als "Winchester '73" 1950 in die Kinos kam, brachte der Western gleich in mehrfacher Hinsicht Neuerungen - für den Regisseur, den Hauptdarsteller, die Produktionsfirma Universal und nicht zuletzt das Genre: Zum einen wurde mit dem Film die erfolgreiche Partnerschaft zwischen Anthony Mann und James Stewart eingeleitet, aus der einige der besten Western der 50er Jahre hervorgingen, so "Meuterei am Schlangenfluss" (1952); "Nackte Gewalt" (1953); "Über den Todespass" (1954); "Der Mann aus Laramie" (1955) (siehe Fußnote 1). Für Mann wiederum ermöglichte der Western den Aufstieg zum Regisseur von A-Film-Produktionen; und Hauptdarsteller James Stewart, dem Publikum in seinen bisherigen Rollen vor allem als unbeholfener Zauderer in Erinnerung, erhielt mit "Winchester '73" Gelegenheit, ganz neue Facetten zu zeigen. Nicht zuletzt war es der große Erfolg dieses Western an den Kinokassen, der eine Renaissance des Genres einleitete. Aber der Film brachte auch für seine Produktionsfirma Universal Vorteile: Universal, das immer zu den kleinsten unter den großen Hollywood-Studios gezählt hatte und auf Low-Budget-Produktionen für ein vorwiegend kleinstädtisches und ländliches Publikum spezialisiert war, wurde jetzt auch in die Lage versetzt, Starvehikel zu produzieren - mit der bis dahin unüblichen Praxis, einen bereits bekannten Schauspieler wie James Stewart an den Einspielergebnissen des Films zu beteiligen.

Für einen Western ist "Winchester '73" ungewöhnlich komplex erzählt, verbindet eine geradlinige Rachegeschichte mit der episodenhaft verknüpften Story von der Jagd nach einem wertvollen Gewehr, das immer wieder den Besitzer wechselt und dabei in die falschen Hände gerät. Mit dem Weg der Waffe wird zugleich das ganze Arsenal klassischer Genremotive aufgefahren, vom herausgeforderten Protagonisten im Saloon, Schützen, die ihre Schießfertigkeit demonstrieren (beim Wettschießen in Dodge City zu Beginn) über ein Pokerspiel, das schlecht endet und einem Indianerangriff bis zum Bankraub mit dem anschließenden spektakulären Showdown in bizarrer Felsenlandschaft. Dass diese scheinbar vertrauten Genresituationen immer originell wirken, dafür sorgt der besondere dramaturgische Kniff des Scripts von Borden Chase und Robert L. Richards, die Waffe zum Schlüsselelement des gesamten Films zu machen. Die Waffe gibt scheinbar zusammenhanglosen Episoden eine übergreifende Struktur, was Kameramann William H. Daniels in konsequent gestalteten Montagen zu realisieren weiß: vom Vorspann mit der Überblendung der Texttafel zur Rolle der Winchester bei der Eroberung des Westens auf das in einem Schaukasten ausgestellte Gewehr bis zur letzten Einstellung (die Waffe wieder in Händen seines rechtmäßigen Besitzers Lin McAdam/James Stewart). Dazwischen wird jeweils an den Anfang von insgesamt fünf Kapiteln die Nahaufnahme der Winchester gestellt, um dann in einer wohl kalkulierten Kamerafahrt den neuen Besitzer ins Blickfeld der Handlung zu rücken. So gelingt es Daniels, visuell präzise die Rolle der Waffe als verbindendes Motiv mehrerer Handlungsstränge und zugleich in lakonischer Weise als Mittel zur Charakterisierung einzusetzen. Das titelgebende Gewehr wird geschickt in Verbindung gesetzt mit bestimmten Charakterzügen ihrer jeweiligen Besitzer: die Gier des Waffenhändlers Joe Lamont (John McIntire), die ihm schon bald zum Verhängnis wird; die Skrupellosigkeit des Banditen Waco Johnny Dean (Dan Duryea), der sich mit Gewalt nimmt, was er haben will (die Waffe, die Frau eines anderen); die Entschlossenheit des Indianerhäuptlings Junger Bär (Rock Hudson), sich gegen die weiße Übermacht zur Wehr zu setzen.
Auch ist es Daniels eindrucksvoller Kameraführung zu verdanken, wenn die Landschaft in "Winchester '73" nie nur pittoreske Kulisse bildet, sondern fast immer unwirtlich, bedrohlich, trostlos wirkt und auf diese Weise in das Geschehen einbezogen wird. Zeigt die Natur sich in Manns Western einmal von einer scheinbar friedlichen, idyllischen Seite, so erweist sich die harmonische Szenerie durch den vorangegangenen Schnitt als trügerisch.
Dadurch, dass viele Szenen nachts spielen und die Protagonisten nicht selten in der Dämmerung oder Dunkelheit in bedrohliche, wenn nicht sogar tödliche Situationen geraten (z.B. die Ermordung des Waffenhändlers Joe Lamont durch den Häuptling Junger Bär), wird die düstere Wirkung der Landschaftsaufnahmen noch verstärkt. Zudem besitzt Anthony Mann ein ausgezeichnetes Gespür dafür, die Landschaft dramaturgisch präzise zum Ausdruck elementarer Konflikte (die Auseinandersetzungen mit den Indianern, die Todfeindschaft zwischen den Brüdern) einzusetzen. Insbesondere mit dem langen finalen Showdown der Brüder in einer zerklüfteten Felslandschaft offenbart sich dieses Gespür Manns, das sich auch auf seine sorgfältige Vorbereitung bei der Wahl der Location erstreckte, eine Sequenz, mit der er Filmgeschichte schrieb. Dass der Showdown erst durch die Location Glaubwürdigkeit erhält, ist ebenso das Verdienst von Kameramann Daniels, der die Kulisse dieser Felsformation mit ihren Spalten und Vorsprüngen im ausgedehnten Duell zwischen Lin und Dutch eindrucksvoll zur Geltung bringt.
Der Kamera sind weitere einprägsame Momente zu verdanken, wie eine nächtliche Verfolgung, bei der in einer Totale nur die Silhouetten der Reiter gezeigt werden oder ein furioser Kameraschwenk von der leer und öde wirkenden Landschaft zu den sich zum Angriff formierenden Indianern.

Wenn "Winchester '73" zu recht heute als ein Klassiker des Western-Genre gilt, ist dies nicht zuletzt das Verdienst des sorgfältig aufgebauten Scripts von Borden Chase (siehe Fußnote 2) und Robert L. Richards: So werden über den Weg der Waffe geschickt unterschiedliche Figurenkonstellationen miteinander verknüpft und neue Charaktere eingeführt, die der Handlung eine unerwartete Wendung geben; zugleich kommt Szenen, Sequenzen, Dialoge und Handlungen eine besondere Bedeutung im Kontext der Story zu , wie das sich hinziehende Wettschießen um die Winchester als Preis zwischen Lin McAdam und Dutch Henry Brown oder das Pokerspiel mit dem Waffenhändler Joe Lamont:
Dabei wird das Preisschießen nicht nur für eine präzise Konturierung der Kontrahenten genutzt; die Sequenz entwickelt auch einen eigenen dramatischen Bogen, der in einer riskanten Wette, dem Sieg Lin McAdams und dem Gewinn der Winchester als Preis gipfelt. Der dramaturgische Schlusspunkt dieser Sequenz bildet zugleich den Ausgang für ein geschicktes Spiel mit den Besitzverhältnissen, das den weiteren Verlauf der Geschichte um Gier und Rache, mit der Winchester als zentralem Motiv, bestimmt. Auch das Pokerspiel, eigentlich eine weitere Standardsituation des Genres, hat eine besondere dramaturgische Funktion und ist von entscheidender Bedeutung für den Weg der Waffe.
Zusätzliche Spannung entsteht, indem es Buch und Regie bei Lin McAdams Rachemotiv und der Beziehung der beiden Todfeinde im Verlauf des Films zunächst nur mit Andeutungen belassen; erst am Ende wird ihr genaues Verhältnis zueinander enthüllt und der Vatermord als Begründung für Lins verbissene Jagd auf Dutch Henry Brown (Stephen McNally) geliefert.

Die Bedrohung durch Indianer ist ein weiteres, auf originelle Weise verwendetes Genremotiv, das zum zentralen Motiv in der ersten Hälfte wird und in dem Angriff auf die Wagenburg einer Kavallerieeinheit gipfelt. So dient die mehrfache Verfolgung durch Indianer dazu, die unterschiedlichsten Protagonisten in der Wagenburg der Kavalleristen zusammenzuführen. Der einzige direkte Angriff der Indianer wird dagegen geschickt hinausgezögert. Was eigentlich eine Standardsituation des Western ist, erhält dadurch umso größere Wirkung. Zugleich verhindern die einfallsreiche Inszenierung, eine ungewöhnliche Kameraführung und die stimmige Dramaturgie, zusammen mit einem kritischen Blick auf die Besiedlung des Westens, dass das Motiv zum Genreklischee wird.
Glaubwürdigkeit erhält diese Bedrohung durch die präzise historische Verortung: Es ist die Zeit unmittelbar nach General A. Custers Niederlage am Little Big Horn, als die Indianer sich noch einmal gegen die forcierte Vertreibung aus ihren angestammten Gebieten zur Wehr setzten; und diese Schlacht mit ihren Folgen wird im Film aus unterschiedlichen Perspektiven (Indianerhäuptling, Waffenhändler, Trader) konsequent thematisiert. Zudem zeigen Anthony Mann und Borden Chase hier ihr besonderes erzählerisches Talent, indem sie das Genremuster der Bedrohung durch feindliche Indianer dazu verwenden, um verschiedene Erzählelemente zusammenzubringen: die Geschichte des Waffenhändlers Joe Lamont, dem seine Gier zum Verhängnis wird oder das Pokerspiel Dutch Henry Browns, das mit dem Verlust seiner (unrechtmäßig) erworbenen Waffe endet.
Dass trotz dieser Fülle an Handlungselementen die Geschichte nie überfrachtet wirkt, dafür sorgen Anthony Manns flüssige Inszenierung und das sorgfältige, gut durchdachte Script.

Die komplex angelegten Hauptfiguren und die hervorragende Besetzung bis in die markanten Nebenrollen erweisen sich als weitere Stärke dieses Western-Klassikers. James Stewart gelingt mit großer Eindringlichkeit und Überzeugungskraft die ambivalente Darstellung eines verbitterten, besessen seine Rache verfolgenden Mannes, der unerwartete negative Züge erhält durch seinen unvermittelten, gegen die Genrekonvention inszenierten Gewaltausbruch in der Begegnung mit dem Outlaw Waco. Ihm zur Seite steht Millard Mitchell als Lin McAdams Begleiter High Spade, der glaubhaft humorvoll ironische Beiläufigkeit mit ernsten Tönen zu verbinden versteht.
Zugleich kann Stephen McNally in der Rolle von Lins Gegenspieler Dutch Henry Brown seiner Figur auch persönliche Seiten abgewinnen, so dass sich seine Darstellung nicht auf das Abziehbild eines Schurken reduziert. Ein zwiespältiger Held, der "böse" Gegenspieler, der auch persönliche Facetten zeigen darf, der entscheidende Showdown am Ende in bizarrer Felslandschaft, bei dem die Trennlinie zwischen Gut und Böse endgültig aufgehoben ist - damit unterläuft "Winchester '73" immer wieder bis zum Schluss die vertrauten Genremuster.
In den Nebenrollen spielt Dan Duryea die Figur des unberechenbaren, psychopathischen Outlaws Waco Johnnie Dean mit bemerkenswerter Intensität und trägt in den Film zugleich ein gutes Stück schwarzen Humor. John McIntire wiederum gibt überzeugend den zynisch-skrupellosen Waffenhändler Joe Lamont, der keine Gewissensbisse kennt, den Indianern Waffen zu verkaufen, bis er am Ende Opfer seiner eigenen Gier wird. Eine treffende Besetzung sind auch Shelley Winters als couragiertes Saloon Girl Lola Manners und Charles Drake als Lolas Verlobter Steve Miller, dem der Vorwurf anhängt, feige zu sein und der sein Leben verliert, als er sich endlich zur Wehr setzt.
Immer wieder gelingen Mann zudem Sequenzen, die gekonnt mit einer Mischung aus düsterer Komik, abgründigem Suspense und Überraschungsmomenten spielen.
Seine Wirkung verdankt "Winchester'73" nicht zuletzt Manns Gespür für Erzählrhythmus, der sich entfaltet im Wechsel zwischen aktionsbetonter Handlung und ruhigen Einstellungen, wobei Raum gelassen wird für Landschaft und die sorgfältig rekonstruierten Innenräume.

Fazit: Mit "Winchester '73" schuf Anthony Mann einen der ganz großen Edelwestern, der das gesamte Arsenal der klassischen Westernmotive aufbietet, aber viel mehr ist als eine Anthologie vertrauter Genresituationen. Dank der ungewöhnlichen Erzählprämisse, das titelgebende Gewehr in den Fokus der Handlung zu rücken, bleiben bekannte Genreelemente wie Saloonszenen, das Wettschießen in Dodge City (Gunplay), der Indianerüberfall auf die Wagenburg der Kavalleristen oder ein Bankraub immer originell und spannend. Das sorgfältig aufgebaute Script von Borden Chase mit seiner episodisch verschachtelten Erzählweise und der ständig den Besitzer wechselnden begehrten Waffe als Dreh-und Angelpunkt der Geschichte, nicht zuletzt Manns prägnante, flüssige Inszenierung machen "Winchester'73" zu einem Meilenstein des Westerngenre. Aber auch die ausgezeichnete Besetzung bis in die Nebenrollen , von der ambivalenten Darstellung James Stewarts als besessen seine Rache verfolgender zwiespältiger Held bis zu einem seine Skrupellosigkeit genussvoll ausspielender Dan Duryea und einem großartigen John McIntire als abgehalfterter, zynischer Waffenhändler Joe Lamont, sichern "Winchester '73" zusammen mit der beeindruckenden Kameraführung einen herausragenden Platz in der Geschichte des Westernfilms.

1*) Anthony Mann profilierte sich in den 1950er Jahren durch die Zusammenarbeit mit James Stewart als einer der bedeutendsten Western-Regisseure. Mit James Stewart, Hauptdarsteller in fünf von ihm inszenierten Western, drehte Mann außerhalb des Genres drei weitere Filme: den von naivem Fortschrittsglauben getragenen Abenteuerfilm "Die Todesbucht von Louisiana" (1953); das Biopic "Die Glenn Miller Story" (1953), das das Leben des amerikanischen Musikers Glenn Miller nachzeichnet und mit den populärsten Swing-Melodien der Glenn Miller Band beeindruckt; schließlich das eine sentimentale Lovestory mit einigen gelungenen Flugaufnahmen verbindende propagandistische Air-Force-Drama "In geheimer Kommandosache" (1955).

2*) Borden Chase verfasste nicht nur das Drehbuch zu "Winchester '73" (1950), der die Phase des Adult Western einleitete, mit dem im Genre jetzt Probleme von Macht, Gewalt und Gesetz (Seeßlen) behandelt wurden. Von ihm stammen u.a auch die Drehbücher zu den Western-Klassikern "Red River" (1948), "Meuterei am Schlangenfluss" (1952), "Über den Todespass" (1954), "Mit stahlharter Faust" (1955), "Das Geheimnis der fünf Gräber" (1956); daneben der von Genrefans geschätzte, Spannung und Humor verbindende "kleine" B-Western "Der weiße Teufel von Arkansas" (1958). Und dass selbst der von Fernsehroutinier James Neilson gedrehte Streifen "Die Uhr ist abgelaufen" (1957), statt wie ursprünglich geplant von Anthony Mann, noch immer ein "sehr guter James Stewart-Western" ist, ist vor allem das Verdienst des Drehbuchs von Borden Chase.

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