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Kritik von Fred Maurer zu 'Der Attentäter'

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Partner von Entania
Kritik von Fred Maurer
veröffentlicht am 28.03.2008
75%
Ein Remake ist eine Neuverfilmung eines bereits existierenden, meist mehrere Jahrzehnte älteren Films.
Die Bezeichnung ARD steht für "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland". Gegründet wurde die ARD mit sechs Landesrundfunkanstalten sowie RIAS Berlin. Heute gehören der ARD neun regionale Anstalten sowie die Deutsche Welle an.
www.ard.de

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Eine Filmkritik von Dipl.-Päd. Fred Maurer zu Ehren des beliebten Volksschauspielers Fritz Hollenbeck, der 1969 Georg Elser war

"Der Attentäter" oder: Die Erfindung des Doku-Dramas

Wir alle, auch als Angehörige der jüngeren Generation, haben ihn irgendwann im Fernsehen erleben dürfen: Fritz Hollenbeck, geboren im Schicksalsjahr der Weltwirtschaftskrise 1929 in Lübz, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern - Volksschauspieler, Charakterkopf, "der" Elser-Darsteller des deutschen Films.
Gleich nach der Schule, 1945, hatte Hollenbeck Schauspielunterricht genommen und ließ sich zwei Jahre lang am Staatstheater Schwerin ausbilden. Anschließend erhielt er dort ein Engagement. Von 1956 bis 1961 gehörte er unter der Intendanz von Helene Weigel, der Witwe des großen Dramatikers Bert Brecht, zum legendären "Brecht-Ensemble" in Ost-Berlin und glänzte in heute noch berühmten Brecht-Parabeln wie "Das Leben des Galilei" oder "Mutter Courage und ihre Kinder". Nach dem Mauerbau floh Hollenbeck mit seiner Familie in die Bundesrepublik, wo er sich erst 1969 mit der Hauptrolle seines Lebens als Charakterdarsteller etablieren konnte: Fritz Hollenbeck war Georg Elser, auch wenn er sich als Norddeutscher von seinem schwäbischen Kollegen Robert Nägele synchronisieren lassen musste (was man in keiner Sekunde des Film sieht, so zeitaufwändig und sorgfältig wurde damals noch gearbeitet).
Daneben spielte er u.a. in Dieter Wedels sozialsatirischen Serie "Einmal im Leben - Geschichte eines Eigenheims" (1972, mit einem gescheiterten Remake 2001), in zwei Folgen der ARD-Krimiserie "Tatort" ("Strandgut" von 1972 und "Kurzschluss" von 1975)
nach Paul Henckels, Erich Ponto, Heinz Rühmann und Willy Millowitsch übernahm auch er die Titelrolle in einer Fernsehinszenierung des populären Theaterstückes vom "Schneider Wibbel" (1980) - und spielte bis 2007 zweimal in der Krimiserie "Großstadtrevier".
Jahrzehntelang, von 1972 bis 2006, war Fritz Hollenbeck, dem gerade auch auf dieser Bühne die schauspielerische Lust aus den Augen blitzt, festes Mitglied des Hamburger Ohnsorg-Theaters. Erst jetzt, mit fast 80 Jahren, hat er sich aus gesundheitlichen Gründen in den verdienten Ruhestand verabschiedet.

Kurz zum geschichtlichen Hintergrund der Vita des Widerstandskämpfers Georg Elser, der lange totgeschwiegen worden war und dem erst in den letzten 20 Jahren positive Aufmerksamkeit zuteil wird: Herbst 1939 versucht der handwerklich geschickte und vielseitige Schreiner Elser, Adolf Hitler zu töten und so den drohenden Krieg zu verhindern. Er weiß, dass Hitler am 8. November 1939 zum Jahrestag des Hitlerputsches von 1923 im Münchener Bürgerbräukeller sprechen wird. Elser verschafft sich Zugang zum Veranstaltungsraum und installiert dort in heimlicher, nächtelanger Arbeit einen Sprengkörper mit Zeitzünder. Da Hitler wenige Minuten vor der Explosion den Versammlungssaal verlässt, entgeht er dem Anschlag. Georg Elser wird noch am selben Abend in Konstanz festgenommen. Nach langen Verhören gesteht er Tage später das Attentat und seine Absicht, damit die Lage der Arbeiter zu verbessern und den Weg zu einem europäischen Frieden zu ebnen. Die Nationalsozialisten sehen in Elser zunächst das Werkzeug des britischen Geheimdienstes. Auch nach 1945 wird er oftmals diffamiert. Heute kann seine Alleintäterschaft so wenig bezweifelt werden wie die Lubbes beim Brand des Reichstags sechs Jahre zuvor. Georg Elser wird am 9. April 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, im KZ Dachau erschossen.

Das Drehbuch zum 90 Minuten langen Dokumentar- und Spielfilm von 1969 für den "Süddeutschen Rundfunk" schrieb Hans Gottschalk, damals Leiter der Stuttgarter Fernsehspielabteilung nach den nunmehr zugänglichen Verhörprotokollen, Regie führte Rainer Erler ("Fleisch" BRD 1979, ein beklemmender Thriller zum Thema Organhandel, mit Jutta Speidel und Herbert Herrmann).

Das Doku-Feature über Georg Elser nimmt diese Realgeschichte zum Ausgangspunkt. Sein Rahmen sind die Verhöre durch Gestapo-Beamte. Die Binnenhandlung erzählt von den monatelangen Attentatsvorbereitungen, Elsers Flucht und seine Festnahme - besser sie rekonstruiert diese rückblickenden Szenen und stellt sie (einseitig, unter Ausblendung der zeitgeschichtlichen Zusammenhänge) aus der subjektiven "Froschperspektive" Elsers nach.
Im Gegensatz zu dem "großen" Kinofilm zwei Dekaden später ("Einer aus Deutschland" mit Klaus Maria Brandauer als nicht unauffälliger, sondern schneidiger Hauptdarsteller und Regisseur) verzichtet das leise, auf Authentizität bedachte Fernsehspiel auf jegliche künstlerische Freiheiten (Erfindung eines Gegenspielers, einer befreundeten Kellnerin, Vorverlegung des Attentats etc.), bedient sich vielmehr um einer historisch korrekten Darstellung und einer psychologisch glaubhaften Interpretation der Verhörsituation willen eines spröden Dokumentarstils und minimalistischer Mittel.
Dafür kommen damals noch lebende Zeitzeugen zu Wort, wobei diese wohl leider mehr verschweigen als offenbaren: der Schreinermeister, bei dem Elser gearbeitet hatte und der dessen handwerkliche, fast künstlerische Akribie lobt der Steinbruchbesitzer, welcher selbst der Mitwisserschaft verdächtig im KZ landete seine erstaunlich ahnungslose Vermieterin der damalige Polizeipräsident der KZ- Aufseher, der von vermeintlichen Privilegien Elsers berichtet, der zwar schreinern und Zither spielen durfte, in Wahrheit jedoch mehrjährige Isolationshaft in ständiger Todesangst ertragen musste. Hier wünschte sich der zeitgeschichtlich halbwegs aufgeklärte Zuschauer von heute mehr Information, die wohl durch insistierendes Nach- und Hinterfragen zu erreichen gewesen wäre.

Gleichwohl: Durch die Integration von Originalstellungnahmen nähert sich der insofern damals innovative Fernsehfilm dem damals hochmodernen, noch heute (als "Doku-Drama") beliebten journalistischen Genre des "Features", das Charakterstudie, die Elemente des Spielfilms, der Reportage und der Dokumentation möglichst geschickt miteinander verknüpft.
Der auch als Zeitdokument noch heute sehenswerte und aufschlussreiche Film kann (relativ teuer) beim Mitschnittdienst des SWR bestellt werden. Preiswerter, sinnvoll und auch pädagogisch wünschenswert wäre freilich eine baldige Wiederausstrahlung im Fernsehen: Der 80. Geburtstag des Charakterdarstellers Fritz Hollenbecks, der vor 40 Jahren Georg Elser war, wäre hierfür ein würdiger Anlass.

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