Der sinnlose Mord
Eine Filmkritik von Dipl.-Päd. Fred Maurer zu Ehren des Autors Herbert Reinecker und der verstorbenen Darsteller dieser Folge (Erik Ode, Curd Jürgens, Inge Birkmann, Amadeus August, Dieter Eppler, Erni Singerl
Es gibt bei dieser großen ersten bundesdeutschen Krimiserie auch schwächere Folgen, über die ich aus Respekt nur nicht schreibe. Das kann anders auch gar nicht sein. Selbst bei Goethe ist nicht jedes Drama, jedes Gedicht auf gleichem Niveau; nicht jede Sinfonie oder Sonate Beethovens gleich wertvoll.
(Wobei hier der subjektive Aspekt eine Hauptrolle spielt: Am beliebtesten sind der "Götz von Berlichingen" wegen des sprichwörtlichen deftig-ordinären Zitats bzw. das vergleichsweise harmlose "Albumblatt für Elise", weil das auch Anfänger spielen können...)
Der produktive Autor Herr Herbert Reinecker schrieb ja nicht nur über drei Jahrzehnte hinweg eine neue Folge binnen vier Wochen (samt Hinzufügungen, Kürzungen, Änderungen an Handlung und Text noch ohne PC), sondern u.a. auch fürs "Traumschiff" (sehenswert bis heute die Folge 7 von 1983 mit den Episoden "Herz ist Trumpf / Bordbekanntschaften / Sängerin und Zauberer"), Specials ("Leute wie du und ich", nach einem alten Schlager der 30er "So oder so ist das Leben", lebenserhellende Episoden mit populären Schauspielern), Spielfilmdrehbücher ("Der Weg nach Lourdes", "Der kleine Riese").
Selbst für Fans wäre es problematisch, unreflektiert ein Hohelied auf ihn zu singen: Schließlich hatte er sich, 1915 geboren, von Beginn an überzeugt in den Dienst der Nazis gestellt - als Kriegsberichterstatter der Waffen-SS, als Drehbuchautor von Jugendpropagandafilmen ("Junge Adler", 1944). Lesenswert ist in diesem Zusammenhang weniger das rein affirmative (so genannte) "Große Derrick-Buch", sondern eine kritische, fast wissenschaftliche, differenzierte und allemal lesenswerte Untersuchung seines zerrissenen Lebens und zwiespältigen Werks jeweils im Dienste des bestehenden Gesellschaftssystems: "
Reineckerland".
Doch ehe wir (frei nach einem umstrittenen Zitat unseres früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl) gnädigerweise später (nach Diktatur und Krieg) Geborenen den Stab über jene unglücklichen Vorfahren brechen, die auf Hitler und den seine Schreckensherrschaft ermöglichenden 'Zeit(un)geist' hineingefallen sind, sollten wir uns in 'historischer Empathie' üben: Die wenigsten besaßen Georg Elsers frühe vorausschauende Klugheit ("Georg Elser - Einer aus Deutschland" mit Klaus Maria Brandauer als Regisseur und in der Titelrolle, 1989), die halsbrecherische Chuzpe der "Weißen Rose" (so heißt auch ein Film Michael Verhoevens von 1982, noch sehenswerter: "Sophie Scholl" von 2005, mit Julia Jentsch), oder auch nur späte Einsicht mehrerer verzweifelter Wehrmachts-Staboffiziere (zahlreiche Spielfilme seit 1954; "Stauffenberg" von 2004, "Walküre", USA 2008).
Aufgrund unseres heutigen Geschichtswissens (das bei mir gerade auch auf diese Filme und historische Dokumentationen auch bereits vor Guido Knopp aufbaut) können wir uns leicht distanzieren. Die nationalsozialistisch gleichgeschaltete Schule und die damaligen Propagandafilme (mit Heinz Rühmann, Hans Albers, Heinrich George, Zarah Leander) wirkten suggestiv in die gegenteilige Richtung. Hätten wir uns ihr entziehen können (und überhaupt entziehen wollen)? Wären wir gar gegen den Strom geschwommen; hätten Kopf und Kragen, unser Leben riskiert?
Reinecker biss sich durch, begann noch einmal von vorn, auch ideologisch - und wurde für Jahrzehnte der bedeutendste, beliebteste Fernsehdrehbuchautor. Aus meiner Sicht ist dies auch eine Form von Wiedergutmachung.
Gewiss finden sich noch Reste (angesichts der Studentenrevolution seit den späten 60ern) anachronistischen Obrigkeitsdenkens (wenn der Kommissar seine Mitarbeiter, auch allesamt Beamte des 'gehobenen Dienstes', plump-vertraulich duzt); exponiert werden freilich in jeder Folge die ewigen Werte des Abendlandes, so dass Reineckers Serien geradezu als Lebenshilfe und zur Orientierung dienen können: Liebe, Treue, Charakterfestigkeit, Aufrichtigkeit, Mut (manchmal bis hin zur 'Demut'), Anstand...
Einige Folgen vergesse ich nie. Es sind die 'Top 10' der jeweiligen Serie.
Das liegt auch an den schauspielerischen Leistungen teilweise von (längst verstorbenen) Weltstars: Außer der (psychologisch wichtig) vertrauten Stammbesetzung (Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper) sehen und erleben wir in diesem Fall als Harald Bergmann den großen 'Charakter' (der diesen nicht spielen brauchte) Curd Jürgens, die uns auch aus "Der Alte" bekannte Inge Birkmann als dessen Ehefrau, den attraktiven und so früh verstorbenen Amadeus August als Sohn Rolf, die blutjunge und bildschöne Uschi Glas als tragisches Mordopfer Inge Sobach; als Fluglehrer Dieter Eppler ("Nibelungen"!), als unwirsche Wirtin Erni Singerl...
Die Handlung dieser klassischen, fast altgriechischen bzw. 'shakespeareschen' Liebestragödie (nach der lesenswerten Infoseite des 'Freundeskreises Der Kommissar'): Hausmeister Koberke bekommt einen anonymen Anruf, in einem Luxusappartement liege die Leiche eines jungen Mädchens, das ermordet worden sei. Unwillig schaut er nach und findet die Studentin Inge Sobach erdrosselt im Bett. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel, denn nichts deutet darauf hin, dass sie Neider oder Feinde gehabt habe.
"Die Suche nach dem Motiv bleibt erfolglos. Die Ermittlungen von Kommissar Keller ergeben, dass der reiche Unternehmer Harald Bergmann das junge Mädchen in die Wohnung quartiert hat. Bergmann hatte die lebensfrohe Tote vor einem Jahr auf der Straße nach einer Radpanne aufgegabelt, hatte an ihrer Art einen Narren gefressen, ihren Lebensunterhalt finanziert und sich als ihr Gönner verstanden. Dies alles sehr zum Missfallen seiner Frau Elvira. Zunehmend ... fand auch Sohn Rolf Gefallen an ihr und wollte sie heiraten..."
Die Geschichte ist genial erfunden, ohne konstruiert zu wirken. Alles ergibt sich zwangsläufig aus der jeweiligen Vorgeschichte - bis zum völlig überraschenden, (nach Dürrenmatt) schlimmstmöglichen Ende, womit nicht nur der furchtbare Mord an einer Unschuldigen gemeint ist, sondern mehr noch dessen absolute Sinnlosigkeit.
Aber ich will nicht zu viel verraten...