Requiem für einen Virtuosen als spannende Lehrstunde in Psychologie
Eine Filmkritik von Dipl.-Päd. Fred Maurer zu Ehren der großartigen Homepage "
Freundeskreis Der Kommissar" und ihres Betreibers André Loop
Es ist (wie so oft) die Geschichte Herbert Reineckers, die fasziniert - so einfach, so spannend, so 'exemplarisch' (im Sinne der geradezu archaischen Urkonstellation eines Mordes: verbotene Liebe, Hörigkeit, Habgier als niedere Motive).
Es sind die großartigen Darsteller, wie sie selten in einem einzigen Fernsehfilm zusammenkommen (und zudem teilweise bereits verstorben sind): Außer Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper als Ermittlerteam erleben wir die uns eher aus seichten Heimatfilmen bekannte und insofern zuvor unterschätzte Sonja Ziemann (als ernste und wohl auch trauernde Irene Triberg), Günther Stoll als ihr Ehemann Professor Triberg (der Geiger - wir kennen den Schauspieler auch aus den ersten Folgen von "Derrick"); die große, immer ein wenig unheimliche Elisabeth Flickenschildt (als dessen ahnungsvolle Mutter Johanna Triberg); Heinz Bennent (als Liebhaber Andreas Kolding); Erik Schumann, Willy Semmelrogge (später 'Tatort'-Assistent an der Seite von Hansjörg Felmy, Vater des freilich auch für mehrere Delikte bekannteren Martin Semmelrogge)...
Es ist schließlich die thematisch und zugleich dramaturgisch passende Musik (das Mordopfer ist Berufsmusiker), die man entfernt kennt (mit David Oistrach aus den 50ern, Ann-Sophie Mutter aus den 70ern, zuletzt sogar aktuell mit David Garret), die man nach dem Krimi nicht mehr aus den Ohren bekommt: der Kopfsatz von Mendelssohn-Bartholdys berühmtem Violinkonzert in eher lyrisch-verspieltem als düster-tragischem E-Moll!
Die Handlung (siehe die oben in der Widmung genannte besuchens- und lesenswerte Infoseite des 'Freundeskreises Der Kommissar'):
"... Der erfolgreiche Virtuose Triberg wird nach einem Konzert auf der Nachhausefahrt durch die Scheibe eines Zugabteils erschossen. Keller findet heraus, dass eine aufgeregte Frauenstimme während seines letzten Konzerts den Portier anflehte, dem Professor mitzuteilen, nicht mit dem Zug nach Hause zu fahren, unter gar keinen Umständen mit dem Zug! Doch der Portier nahm den Anruf nicht ernst: ein tödlicher Fehler. Kommissar Keller ermittelt mit seinen Mitarbeitern in einem gesellschaftlichen Kreis, der normalerweise nichts mit den Schattenseiten des Lebens zu tun hat. Trotz einer äußerst schwierigen Spurensuche gelingt es Keller, den Mörder soweit zu bringen, dass er dem Geständnis seiner Tat nicht mehr ausweichen kann..."
Die Auflösung ist freilich eine erhebliche Überraschung, die hier zwar nicht verraten werden soll, jedoch Aufschlüsse gibt über die verschlungene menschliche Seele - dieses Requiem für einen Virtuosen ist (einmal mehr) eine spannende Lehrstunde in Psychologie!
Fernsehen kann also vielfach, multimedial, ganzheitlich bilden: Wir könnten anschließend die alte Platte mit Oistrach oder die neue CD mit Garret auflegen; wir könnten im Lexikon oder im Internet nach den Begriffen 'Hörigkeit', 'Zwangshandlung', (Vorsicht mehrdeutig!) 'Liebhaber' nachschlagen - oder (auch bei einschlägiger Virtuosenmusik) genüsslich-sentimental in der umfangreichen Homepage "Freundeskreis Der Kommissar" stöbern.
Ich selbst habe alle Optionen gewählt - und danach die nächste "Kommissar"-DVD eingelegt. Bildung ist schließlich ein ewiger Prozess.