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Kritik von Frank Linsenbold zu 'Memento'

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Kritik von Frank Linsenbold
veröffentlicht am 11.02.2009
90%
Christopher Nolans Thriller "Memento" verblüfft mit einer unglaublich klugen Auflösung, die man auf Anhieb nicht erfassen kann.

Leonard Shelby (Lenny) erleidet bei einem Einbruch in sein Haus, bei dem seine Frau vergewaltigt und getötet wird, den Verlust seines Kurzzeitgedächtnisses. Seither jagt er hinter dem Mörder seiner Frau her, um sie und sich zu rächen.

So die vordergründige Handlung des Filmes. Nachdem man den Film gesehen hat, bekommt man aber Zweifel, ob alles dieser Plot-Vorgabe entspricht. Man zweifelt an Teddy dem korrupten Polizei-Freund von Lenny, an Natalie, einer neuen Bekannschaft, die Lenny helfen will und die ihn gleichzeitig benutzt, und man zweifelt auch an Lenny selbst. Auch der Tod von Lennys Frau beim Einbruch ist mittlerweile anzuzweifeln.

Nach einiger Überlegungszeit ist man zu der Überzeugung gekommen, dass Lennys Frau nicht tot war und dass Lenny seine Frau versehentlich mit einer Überdosis Insulin getötet hat, da diese Diabetes hatte. Lenny kann sich aber daran nicht erinnern. Stattdessen steckt er diese Geschichte einem Sammy Jenkis zu, den er aus seiner Zeit als Versicherungsermittler kennengelernt hat und der ebenfalls am Verlust seines Kurzzeitgedächtnisses litt. Vielleicht ist dieser Sammy gar fiktiv, was bis zu diesem Stadium der Analyse ohne Belang ist. Lenny ist also eine tragische Figur. Er hat versehentlich seine Frau umgebracht und weiß es nicht mehr. Seither jagt er in seien Lebenssinnsuche einem vermeintlichen Mörder seiner Frau hinterher, den er anscheinend längst getötet hat. Also doppelt tragisch.

Nun könnten man sich zurücklehnen und den kleinen Aha-Effekt verdauen und sich dabei sagen: Der Film ist nicht schlech, nein er ist gut. Dass dabei s/w -Szenen chronologisch und farbige Szenen entgegengesetzt ablaufen, versetzt den Zuschauer in die Situation eines Menschen mit Gedächtnisverlust. Also noch besser als gut. Man kann annehmen, dass der Film sogar sehr gut ist. Allerdings hat man das Gefühl, dass noch nicht alle Fragen beantwortet sind, dass es noch gewisse Stolpersteine gibt (Jimmy nennt Lenny "Sammy" bei seiner Ermordung - was soll der Kleidertausch? - Warum liegt seine Frau auf seiner Brust auf der tätowiert steht I've done it?).

Man ist eigentlich noch nicht rundum zufrieden und auch nicht befriedigt. Und das aus gutem Grund, denn das, was wir bis jetzt wissen, ist erst die halbe Wahrheit. Hier die Auflösung:

"Memento" (Memento mori) - Bedenke, auch Du musst sterben - das riefen die Diener/Sklaven ihren Feldherren/Helden in Siegeszeiten zu, damit diese nicht vollkommen abhoben.

Diener /Sklave = Sammy

Held/Feldherr = Lenny (man beachte, er ist quasi unverwundbar, niemand hat eine Chance gegen ihn)

Sammy Jenkis ist eine graue Maus. Er lebt das langweilige Leben eines Finanzbeamten. Eines Tages hat er mit seiner Frau einen Autounfall, bei dem er sein KZG verliert. In diesem Zustand tötet er versehentlich seine diabeteskranke Ehefrau durch eine Überdosis Insulin. Er kommt in die Nervenheilanstalt. Dort erschafft er Lenny, einen Rächer und Helden mit aufregendem (farbigen) Leben. Immer seltener begegnen sich Lenny und Sammy. Aber wenn, dann scheint es für einen kurzen Augenblick, als würden sie sich kennen, als sei es wie ein Blick in den Spiegel (Klar, wenn der eine den anderen erschaffen hat). Sammy schreibt Lenny ständig Notizen und manipuliert Akten. Den Tod seiner Frau hat Sammy aus den Akten genommen, bzw. Hinweise darauf schwarz gefärbt. Lenny lässt er aus der Anstalt entfliehen. Er conditioniert sich zu Lenny - immer mehr. Lenny kann alles machen in dieser fiktiven Welt. Für uns Zuschauer ist diese Welt ohne Logik, denn es gelten ausschließlich die Regeln eines Kranken ohne KZG:

- Er kann töten (niemand wird je danach ermitteln, da er sich in einer Parallel-Welt befindet, die keine Regeln kennt, bzw. nur die Regeln, die Sammy für seinen Protagonisten Lenny zulässt). Dazu braucht er nicht einmal eine Waffe, die er selbst sogar entlädt. Er ist ja kein Killer sondern ein Held, der etwas richtig stellen will. Wenn er eine Behauptung aufstellt und sie dementsprechend "vorbereitet" wird sie im nächsten "Flash" zu einem "Fact". Er muss nur daran glauben (dass es eine Welt außerhalb seiner Welt gibt).

- Er kann sich Mörder seiner Frau erfinden, so oft er will (gemeint ist eigentlich Sammys Frau, Lenny hat keine reale Frau)

- Er kann edle Kleidung tragen und teure Autos fahren, wie es ihm beliebt und man denke daran : ihm (hier ist eigentlich Sammy gemeint) ist es lieber, man hält ihn für einen Toten als für einen Mörder. Er kann auch jederzeit zu einer neuen Identität kommen, wenn er das wollte.

- Geld braucht er keines, essen und trinken muss er nie

- Teddy, Natalie, Dodd, Jimmy - alle samt sind nicht real (vielleicht Parallelen zu realen Charakteren)

- Er ist quasi unverwundbar, weder Dodd noch Jimmy noch Teddy haben eine Chance gegen ihn (auch wenn er gerade nackt aus der Dusche kommt und ein 6'2"- großer Hüne mit einer Waffe vor ihm steht.)
Bei der Ermordung von Jimmy bekam aber die Welt von Lenny Kratzer, verdeutlicht durch die Kratzer in seinem Gesicht (Diese Kratzer dienen zusätzlich zur zeitlichen Einordnung der Geschehnisse). Lenny bemerkte nämlich, dass er benutzt wird und dass Jimmy gar nicht der Mörder seiner Frau ist. Der jenige, der ihn benutzt ist aber nicht Teddy, auch nicht Natalie sondern Sammy. Deshalb kommt für einen Moment Sammys Persönlichkeit durch und Jimmy nennt ihn im letzen Atemzug Sammy. Die fiktive Heldenwelt von Lenny ist am Einstürzen (Teddys Aussagen erschüttern). Die Erinnerung ist Verrat, sie muss weg, Teddy muss sterben. Darf er (sein von Sammy erfundenes Team-Mitglied) Teddy benutzen um glücklich zu sein? In diesem Fall "Ja". Damit alles passt erfährt Lenny erst nachdem seine Welt ins Wanken kam, dass Teddy ein John G. ist. (Du bist ein John G., also kannst Du auch mein John G. sein.)

Anmerkung: Erstaunlich zu welch schnellen Kombinationen ein Finanzbeamter wie Sammy für seinen Helden Lenny fähig ist.

- Damit Lenny immer wieder in die (reale) Welt des Sammy zurückfindet und somit sich nicht ganz in der Parallelwelt von Lenny verliert, tätowiert sich sein Held Lenny "remember Sammy Jenkis" auf die Hand (nicht etwa irgendwohin auf den Körper). Dies macht er, damit er ständig die Ausgangstüre findet. "Remember Sammy Jenkis" ist eigentlich mit dem Ausspruch "Memento mori" gleichzusetzen, denn "remember Sammy Jenkis" soll Lenny an seine Endlichkeit erinnern, dass mit der Erinnerungstüre an Sammy Jenkis die fiktive Welt von Lenny endet. Außerdem ist auch Lenny sterblich, spätestens in dem Moment, wenn Sammy selbst stirbt.

- Er kann jederzeit sich selbst so konditionieren, dass er den Mörder gefunden hat (I've done it) oder dass die Frau von Lenny (die es real ja nie gegeben hat) lebt, oder sogar beides. Alles ist erlaubt, er bestimmt die Regeln. Er muss es nur glauben und sich darauf konditionieren.

Nun kann man noch viele Sachen neu entdecken.

Wichtig ist dabei nur, dass man folgendes nicht vergisst:

1.) Sammy Jenkis gibt es wirklich.

2.) Er tötete versehentlich seine Frau mit Insulin.

3.) Lenny ist fiktiv nicht Sammy. Sammy sitzt im Sanatorium und lebt die meiste Zeit in einer fiktiven Welt als Lenny. (Einen hanebüchenen Überfall/Einbruch durch Drogensüchtige oder Dealer hat es nie gegeben. Diese Erfindung braucht Sammy, damit er den Tod seiner Frau in die Welt des Lenny schieben kann und selber verstehen kann, warum seine Frau nicht mehr da ist. Denn er kann sich ja daran nicht erinnern, dass er sie versehentlich getötet hat. Die realen Fakten darüber wurden von ihm aus den Akten genommen. Als Lenny darf er sich aber an den Tod seiner realen Frau (in Form von Sammys Frau) erinnern. Diese Konditionierung stammt wohl aus der Zeit, als die Akten noch vollständig waren.) Mit filmischen Mitteln bemerke man: Reale Rückblenden wie die von Sammy Jenkis sind s/w, fiktive Rückblenden wie der Tod seiner Frau im Badezimmer sind farbig.

4.) Sammy besitzt nun durch Lenny eine aufregende, farbige Welt in der er der Held ist und die ihn glücklich werden lässt. Tatsächlich vegetiert er in irgend einem Sanatorium vor sich hin. Memento mori!

Zudem hat Nolan eine wirkliche filmische Gemeinheit für den linear funktionierenden Verstand des Zuschauers eingebaut. Nicht nur die rückwärts laufenden farbigen Szenen, auch seine Doubletten. Dies ist äußerst genial:

Er packt immer eine zweite Variante/eine Kopie in das Geschehen um den Zuschauer zu verwirren. Dies könnte auch eine Anlehnung daran sein, wie sich Lenny seine Fakten erschafft:

- es gibt zwei Papiertüten (die eine in Zimmer 21, auf die sich Lenny notiert, dass er sein Bein rasieren muss, die andere, auf der Natalie den Termin um 13.00 Uhr notiert. Man denkt sich noch, was sucht diese Tüte in Zimmer 21)

- es gibt zwei gleiche Waffen (die eine, mit der Lenny zum Bad beim Überfall geht, die andere, die er bei Dodd findet)

- Nolan lässt in der alten Baracke zwei Morde geschehen, damit sich der Zuschauer immer wieder ins Gedächtnis rufen muss, bei welchem Mord er nun dabei ist - bei Jimmy oder bei Teddy. Bei späteren (oder besser früheren) Szenen verwischt und vermischt sich dies immer wieder.

-Lenny ist zwei mal bei Natalie zuhause (das erste Mal, nachdem sie ihn von der Bar mitnimmt und auf Dodd ansetzt, das zweite Mal als Lenny die Sache mit Dodd erledigt hat. Immer wieder fragt man sich: hat Lenny das damals Natalie schon gesagt oder erst jetzt)

- Lenny hat zwei Zimmer im Discount Inn. Wo wohnt er gerade.

usw.

Wenn man über diese Punkte nachdenkt, kommt man natürlich recht schnell auf die korrekte Einordnung. Das Verflixte daran ist aber, dass während der Bedenkzeit der Film weiterläuft und man das Gefühl bekommt, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Hätte man nicht die Möglichkeit, zurückzuspulen, z.B im Kino, müßte man aus eigenen Annahmen Fakten machen, um eine neue Szene aufzuarbeiten. So wie Lenny. Das Nachdenken über etwas Irritierendes ist der Moment in dem das Erlebte der letzten Szene gelöscht wird.

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