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Kritik von Timo Kiessling zu 'Memento'

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Kritik von Timo Kiessling
veröffentlicht am 10.02.2009
75%
Ein anderes Wort für Drehbuch. Auch Webseiten basieren zumeist auf Scripten, meistens PHP. Aber das ist ein anderes Thema! ;-)
"Batman Begins" und "The Dark Knight". Vor allem letzterer war wiederum letztes Jahr in aller Munde, wurde von den meisten so sehr gehyped, dass es schon gar nicht mehr mit rationalem Denkvermögen zu erklären war. Ein Name, den man häufigerweise mit dieser erfolgreichen Neuinterpretation des "Batman"-Franchises in Verbindung brachte, war Regisseur Christopher Nolan, einem der schon jetzt interessantesten Filmemacher der Gegenwart. Überall wurden Lobeshymnen auf ihn hinausgeschrien. Wie toll er doch nach dem filmischen Murks à la Joel Schumacher Batman wieder auf die Beine gebracht hat, welchen ungemein realistischen Stempel er doch der Comicreihe aufgedrückt hat, und so weiter. Doch Nolan führte auch vor dem schwarzen Rächer ein Regisseurendasein. Oja. Mit Filmen wie "Following" (1998) oder "Insomnia - Schlaflos" (2002) beispielsweise, die alle etwas gemein hatten: Nolans Geschick für verzwickte, komplexe Verwirrspiele. Doch es ist gerade ein Film, der in dieser Aufzählung praktisch nicht vergessen werden sollte, und dem sich gleichzeitig der Rezensent dieser Kritik etwas ausführlicher annimmt: "Memento".

Was bedeuten Erinnerungen? Wie sind sie einzuordnen? Was würden wir tun, wenn wir plötzlich kein Kurzzeitgedächtnis mehr haben und uns somit keine Dinge mehr merken können, die uns erst vor kurzem, vor ein paar Minuten, auf unterschiedlichste Weise begegnet sind? Und ist es möglich, ein halbwegs normales Leben mit eben dieser (zugegebenermaßen sehr selten aufkommenden) Krankheit zu führen? Fragen, mit denen sich Christopher Nolans düsterer Thriller in erster Linie beschäftigt. Einem modernen film noir-Puzzle, das sich erst Stück für Stück zusammensetzt. Kommerziell höchst erfolgreiches Independent-Kino de facto, welches seine Premiere auf dem Sundance Film Festival feierte und schon kurze Zeit später zum kleinen Klassiker in den USA und darüber hinaus avancierte. Narrativ zwar sehr verschachtelt, aber doch irgendwie faszinierend, wenn man mit entsprechender Konzentration herangeht. Und die wird man definitiv brauchen.

Denn "Memento" bedient sich einer Erzählweise, die alle anderen konventionellen Sehgewohnheiten des Zuschauers - Anfang, Mittelteil, Ende in genau dieser Reihenfolge - außer Kraft setzt und demnach ad absurdum führt. Es ist nicht die allseits lineare, stringente Narration, die in "Memento" Anwendung findet, nein, Nolans Film beginnt stattdessen am eigentlichen Ende und arbeitet sich in gemächlichem Thempo bis zum eigentlichen Anfang durch - in kleinen Etappen von hinten nach vorn also, damit man eben genau wie der Protagonist Leonard Shelby (Guy Pearce) dieses Gefühl, sich nicht selbst zu erinnern, bekommt. Schon an dieser Stelle darf konstatiert werden, dass das Script der beiden Nolans durchaus als orginell zu betrachten ist, als etwas völlig Anderes gesehen werden kann. Jonathan Nolan und Christopher Nolan - sie kümmern sich nicht um die Konventionen des Mainstreamkinos. Sie drehen die filmische Zeitlinie einfach um und entwickeln daraus ein bisher zwar noch ausgesprochen fremdartig erscheinendes, jedoch innovatives Konzept, das bis zum Schluss konsequent durchgezogen wird. Ein Konzept, das aber nicht nur aus einem - dem nichtchronologischen, wichtigeren - Handlungsstrang besteht, sondern da gibt es noch einen anderen, welcher paralell zum in rückwärts verlaufenden Geschehen in schwarz-weiß abläuft, diesmal aber in zeitlich korrekter, chronologischer Reihenfolge. Dieser hat jedoch die Besonderheit, dass die in schwarz-weiß abgefilmte Story, deren Bilder sich willkürlich während des gesamten Filmes verbreiten, der letztendlichen Auflösung willen irgendwann während des Filmes auf die Hauptebene trifft, also auf den nichtlinearen Teil der Story.

Das hört sich alles kompliziert an. Ist es auch rudimentär. Aber nur solange man sich an Nolans extravagante Erzählstruktur gewöhnt hat. Denn dann funktioniert der Plan tatsächlich, auch wenn der Zuschauer in höchstem Maße gefordert ist, das Gesehene zu ordnen und in Bezug zu setzen. Überhaupt geht "Memento" tendenziell in die Richtung des Mehrfachschauens. Mit jeder neuen Sichtung entdeckt man neue Details, neue Informationen, neue Erkenntnisse. Vor allem der erste Teil des Thrillers gestaltet sich als äußerst interessant und gar fesselnd. Die zwei Handlungsfäden laufen erstaunlich raffiniert zusammen, sodass eine ungeheure Spannung entsteht. Nur ist die Frage hier nicht, wie eine bestimmte Szene ausgeht, es dreht sich alles um die Frage des warums. Erst nach und nach offenbaren sich dem Zuschauer Fakten, die das vorher Gesehene in völlig anderem Licht erscheinen lassen, aber auch seitens der ambivalenten Charaktere und der Geschehnisse als solches. Nichts ist so, wie es scheint. Absolut nicht. Wer hier wen manipuliert und warum, bleibt bis zum Schluss und eigentlich auch darüber hinaus undurchsichtig und nicht wirklich klar verständlich. Der Film offenbart nebenher viele Möglichkeiten, aber keine Lösungen, er offenbart viele Taten, aber keine extrem gültigen Motive. Die Suche Leonards nach dem Vergewaltiger und Mörder seiner Frau bleibt im Grund genauso motivlos wie der Gesuchte identitätslos. Über einen interpretatorischen Ansatz verfügt "Memento" also auch. Nichtsdestotrotz gerät die Handlung des Streifens - obgleich originell - mit zunehmender Laufzeit arg ins Stocken. Das skurril-narrative Konzept nutzt sich gen Schluss einfach erheblich ab, bestimmte Längen kündigen sich an. Auch der ganz große "Aha-Effekt", der ganz große Wurf am Ende, den man anfangs vielleicht erwartet hätte, bleibt aus, sodass "Memento" lieber auf der Schiene des Philosophischen fährt, mithilfe einem Abschlussmonolog Leonard Shelbys, der zwar alles in allem durchaus adäquat wirkt, einen wirklich coolen Twist sucht man aber vergebens.

Hinzu kommt in Gestalt der Nebencharaktere ein weiterer Kritikpunkt, der ebenfalls verhindert, dass "Memento" als Meisterwerk degradiert werden kann und auch nicht darf. Denn es sind hauptsächlich Figuren wie der zwielichtige "Teddy" (Joe Pantoliano) oder die geheimnisvolle, undurchschaubare Natalie (Carrie-Anne Moss), aus denen die beiden Nolans bei weitem kein richtiges Potenzial schöpfen. Allenfalls als Randbeobachtungen taugen sie, diese uninteressanten Protagonisten, die nur peripher tangiert werden und somit oberflächliche Stereotypen bleiben. Tragen sie zudem Großes für die Handlung bei? Keinesfalls. Gut gespielt ist das zwar allemal, auch wenn man darüber streiten kann, ob der immernoch verhältnismäßig cool aufspielende Guy Pearce ("L.A. Confidential"; "The Time Machine") die hoffnungslose Verzweiflung, die sein Krankheitsbild ja eigentlich mit sich bringt, auch authentisch darstellt. Ansonsten kann sich seine Performance sehen lassen. Will heißen, dass seine Symbiose aus Verletzlichkeit und der für seinen Rachefeldzug nötigen Härte durchaus zufriedenstellend ist. Handwerklich ist "Memento" darüber hinaus so ein Kandidat, wo man sagen kann: Gut, aber nicht überragend. Außer dem schwarz-weißen Handlungsstrang hat der Thriller auf audiovisueller Ebene im Nachhinein gesehen nicht wirklich etwas Neues zu bieten, das einem im Gedächtnis haften bleiben würde. Egal, ob Wally Pfisters ("Prestige - Meister der Magie"; "The Dark Knight") Photographie, der für film noirs obligatorischen Ausleuchtung oder Dody Dorns Schnitt. Das bewegt sich alles im souveränen Durchschnittsbereich, genauso wie der Score David Julyans ("The Descent"; "Eden Lake"), welcher stets im Hintergrund agiert, um dem Zuschauer jedwede Emotionalität zu nehmen, die vielleicht an einigen Stellen angemessen wäre. Nun, Nolans Film ist ja auch vor allem eines: kühl, distanziert und in Bezug auf Gewalt und Blut nicht zimperlich.

Schlussendlich ist festzuhalten, dass Christopher Nolan einen geschickten und in seiner Ausstattung gar spärlichen Thriller zum Mitdenken geschaffen hat, der viele Fragen stellt, der viele Fragen aber auch unbeantwortet lässt. Seine ungewöhnliche Zeit-Parabel um Ursache und Wirkung wandelt dabei gekonnt zwischen philosophischer Metaebene, zwischen der Frage nach dem Sinn der Wahrnehmung, der Erinnerungen und kühner Rachestory hin und her. Und trotz allem ist "Memento" aufgrund der angesprochenen Schwächen und dem allerletzten Funken Genialität nicht das erhoffte Meisterwerk. Überschätzt trifft es wohl am ehesten.

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