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Kritik von Rico Schnabel zu 'Eisenfresser'

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Partner von Fantastic Zero
Kritik von Rico Schnabel
veröffentlicht am 10.06.2008
90%
Armut, Ausbeutung und Missstände finden sich heutzutage in jeder Nachrichtensendung wieder. Oftmals werden dabei aber nur die gleichen Themen behandelt, d.h. die Aufmerksamkeit zu sehr auf bestimmte Länder fokussiert. Um auf die Schrecken diesbezüglich vernachlässigter Gebiete hinzuweisen, werden Filme sowie Dokumentationen gedreht.

Mit wechselndem Erfolg. Vor allem erstere nehmen solche tragische Gegebenheiten oftmals nur als tumben Aufhänger, um dem Geschehen einen pseudokritischen Hintergrund zu geben. Wer also wirklich informative und realitätsnahe Berichterstattung sehen möchte, greift dann eben doch lieber zu den Dokus. Hier finden sich Themen wieder, von denen der durchschnittliche Nachrichtenkonsument wohl noch nie Notiz genommen haben mag. Bestes Beispiel dafür ist die in Kürze erscheinende Dokumentation "Eisenfresser", oder im englischen "Iron Eaters" genannt.

Regisseur Shaheen Dill-Riaz nimmt den Zuschauer dabei mit auf eine Reise in den Süden Bangladeschs, genau genommen an die Strände Chittagongs. Seit dort in den 60ern ein riesiges Schiff strandete, haben es sich Einheimischen zum täglich Brot gemacht, jene Ozeanriesen auszuschlachten, die andere Werften und Besitzer loszuwerden versuchen. Die abgetrennten Metall- und Eisenstücke werden gewinnbringend weiterverkauft und ermöglichen den verantwortlichen Leitern des Ganzen einen weitestgehend angenehmen Lebensstandard.

Doch nicht für alle gilt die Arbeit in den Werften als das große Los, viele sind gewissermaßen gezwungen, sich den unmenschlichen Anstrengungen hinzugeben, um sich und ihre Familien vor dem Hungertod zu retten. Die Kleinbauern Kholil und Gadu heuern schon seit vielen Jahren im Auftrag der Werft Leute aus dem Norden an, meist Freunde und Verwandte, um zusammen mit ihnen durch die versprochenen Lohngelder ermöglicht, die jährliche Hungersnot nach der Regenszeit zu überstehen. Meist ohne passende Schuhwerk und bloßen Händen verrichten sie zu einem Hungerlohn die schweißtreibenden Tätigkeiten, jederzeit der Gefahr ausgesetzt, durch Seilrisse und Explosionen ihren Tod zu finden.

Sie, die Seilträger, haben von allen anwesenden Arbeitern das geringste Prestige und werden somit keiner großen Sorge von den Verantwortlichen bedacht.
Unter der Gewalt der Contractors, dies sind die kleinen "Chefs" von Chittagong, sehen sie sich einem täglichen Kampf um Arbeit und dem ihnen rechtmäßig zustehenden Lohn, ausgesetzt. Die Contractors sind die Einheimischen von Chittagong, gaben also ihr Land bzw. ihren Besitz ab, unter der Forderung leitende Positionen zu erlangen. Die guten Jobs werden gleichermaßen nur an Männer aus dem Süden vergeben. Ein ungleiches Arbeitsregime also, in dem die, meist Kleinbauern, Menschen aus dem ärmlichen Norden, nur einen sehr geringen Stellenwert besitzen.

Von diesem traurigem Dasein handelt "Eisenfresser". Dill-Riaz, der selbst aus Bangladesch stammt, widmet seinen neusten abendfüllenden Film ganz den Arbeitern und ihrer grenzenlosen Ausbeutung durch die Werftbesitzer. Nicht genug, dass sie für mehrere Monate ihre Familien allein lassen müssen, nein, sie können sie glücklich schätzen, wenn sie für ihre Mühen später überhaupt angemessen entlohnt werden. Durch ein verzwicktes Geflecht aus Krediten, Lohnvorschüssen und Sonderzahlungen gelangen sie in einen Strudel aus Schulden, Abhängigkeit und Mündigkeit. Ein Teufelskreis, aus dem sie sich im schlimmsten Fall nicht mehr lösen können. Dabei ist dieses Ausbeutersystem sehr gut durchdacht.

Die Arbeiter kaufen bei den ansässigen Lebensmittelhändlern ihre Waren und reichern dort unvermeidlich große Schuldbeträge an. Ferner bekommen sie für ihre Dienste nur entsprechend der Tagesleistung so und so viele Taka (Währungin Bangladesch) und im gleichen Atemzug aber auch immense Abzüge aufgrund ihrer Rückstände, welche mit den Löhnen verrechnet werden. Und so weiter. Es ist ein kompliziertes Geflecht, welches nur schwer zu durchschauen ist. Der Effekt aber ist deutlich sichtbar: Die Arbeiter werden an ihren Job gebunden so lange es geht, die Arbeitskräfte damit also gesichert und der Werfteigner kann sich über regelmäßigen Gewinn freuen. Mit sehr intensiven und eindrücklichen Aufnahmen des Alltags der Seilträger bebildert der Regisseur dabei diesen inhumanen Wahnsinn.

Erschüttert nimmt der Zuschauer zur Kenntnis, in wie weit die verrichteten Arbeiten, nicht selten schon an Sklaverei erinnernd, an Unmenschlichkeit kaum mehr zu überbieten sind. Lobenswerterweise porträtiert Dill-Riaz diese besonderen Männer ungemein nah am Geschehen, läuft mit ihnen durch Schlamm und Morast, sodass die Möglichkeit für viele intime Einblicke in deren zerrüttetes Seelenheil, gegeben wird. Man lernt diese Menschen zu verstehen und mit ihnen zu fühlen, hinsichtlich ihres unerträglich erscheinenden Daseins. Wenn selbst größte Mühen unentlohnt bleiben und viele ohne Geld wieder den Heimweg antreten müssen, vorausgesetzt sie können sich diesen überhaupt leisten, entstehen Zweifel - Zweifel an einem selbst und Zweifel an der ganzen Wirtschaftsstruktur. Diese armen Menschen sind einer Maschinerie des Bösen ausgesetzt, der sie nur sehr schwerlich, wenn denn überhaupt, wieder entrinnen können.

Der Neutralität wegen, kommen natürlich auch die anderen Seiten zu Wort. Schweißer, Contractors und die Besitzer. Doch vor allem die beiden Letztgenannten haben eins gemeinsam: Auch wenn sie versuchen, sich in der Kamera wegen ins rechte Licht zu rücken, wird doch ganz klar deutlich, in wie weit sie dieses System unterstützen, und keinen Gedanken hegen, daran etwas ändern zu wollen. Dicke Autos und saubere, teure Kleidung, alles ist nur zu ihrem Nutzen und Wohle erdacht. Spätestens seit der Sohn das Geschäft vom von den Arbeitern einstmals geliebten Vater übernommen hat, haben Profitgier und der Wunsch nach schnellen Reichtum den höchsten Stellenwert eingenommen - die Menschlichkeit muss dabei hinten anstehen. Dill-Riaz setzt den ewig gleichen Alltag der Bauern sehr engagiert und authentisch in Szene. Er zeigt auf, mit welch strenger Monotonie, und aber doch Willen zum Geldverdienen, gleichbedeutend für ihr Überleben, diese Menschen schlimmste Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen, um ihr Heim zu sichern. Zerfällt so ein Ozeanriese in seine Einzelteile, ist das für den Zuschauer sicherlich ein erhabener Augenblick, doch bedenke man die Anstrengungen der Arbeiter, kommt man nicht umhin, diesen Personen Achtung zu zollen für ihren grenzenlosen Einsatz. Wo in der westlichen Zivilisation würde sich heute noch so etwas wiederfinden? Das schlimme daran ist aber, dass wir, die "reichen" Länder, durch unsere Schiffsverkäufe an entsprechende Werften, diese Ausbeutung nur noch fördern.

Der Regisseur hebt dabei nicht unbedingt den Zeigefinger, doch weist deutlich auf die unverkennbaren Missstände hin. Als am Ende noch einmal beide Seiten ins Bild genommen werden, wird eines jedoch sehr deutlich. Wenngleich so mancher Arbeiter niemals wieder nach Chettagong will und die Führungsebene unverhohlen an ihrem System weiter festhalten wird, ist eine Veränderung dennoch nicht in Sicht. So wie sich die Seilwinde kurz vor Schluss stets um ihre eigene Achse dreht, so wird dieser Teufelskreislauf niemals ein Ende finden. Die Textzeilen im Abspann bestätigen diese These. Was bleibt einem Mann also um seine Familie zu ernähren anderes übrig, als jedwede denkbare Möglichkeit anzunehmen die ärmlichen Lebensumstände zu verbessern?

Wenn alles kahl und trocken ist, zieht es sie doch unweigerlich wieder an die nassen Strände Chittagongs, wenn auch ständig von dem hässlichen Gedanken begleitet, niemals wieder heimzukehren.

Absolut verdientermaßen, so muss man sagen, wurde der Film mit einigen internationalen Preisen ausgestattet. Wer sich also wieder einmal eine interessante und bewegende, zudem noch mehrfach prämierte Dokumentation im Kino zuführen möchte, dem sei "Eisenfresser" tunlichst ans Herz gelegt.

Der deutsche Kinostart ist der 12. Juni 2008. Nähere Informationen rund um den Film, seinen Macher und die ihn vorführenden Kinos sind auf der offiziellen Seite zu finden.

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