Die Regisseurin des Films,
Frau Cho, lebt in Frankfurt und war bislang Cutterin. Aus rund 80 Stunden gedrehtem Material hat sie einen Kinofilm geschnitten, der in Deutschland seinesgleichen sucht.
Als Zuschauer kann man sich der Magie, der Dramaturgie der filmischen Wirklichkeit kaum entziehen. Cho lässt es ruhig angehen. Langsamer (Schnitt-)Rhythmus bestimmt die Dramatik des Streifens. Mit großem Selbstbewusstsein und einer Portion Gottvertrauen führt sie uns, den Zuschauer, in eine uns unbekannte Welt ein: in ein winziges Dorf mit bäuerlichen Strukturen im Jahr 2006. Die Koreanerin führt uns Deutschen unsere eigene Realität vor - und das in einer unbestechlichen Art und Weise. Als sie denn Bauern hinterm Hof fragt, ob er noch andere Frauen neben seiner Bäuerin und Ehefrau hat, erklärt dieser unverblümt, dass das zum Leben auf dem Lande dazugehört wie die Sonne zum Leben.
Cho arbeitet dabei stilistisch erstaunlich nah an Alexander Kluge, der seit 30 Jahren Menschen durch die Kamera in neuem Licht darstehen lässt. Die fast naiven Fragen der Städterin an die Bauern des Ortes werden prompt toternst beantwortet. Da zeigt sich Chos Weiblichkeit als Bonus. Keiner traut ihr im Kuhkaff was zu. Aber dadurch entlarvt sie Habitus und Denke der Menschen dort. Und die sind allesamt liebenswert bis skurril.
Einer der Höhepunkte des chirurgische Eingriffs in das Landleben präsentiert Cho, als sie einen der Protagonisten im Stall interviewt, während dort gemolken wird. Wie von einem Hollywood Autor eingefädelt taucht mittendrin eine Katze auf, die das, was der Bauer gerade erklärt, sozusagen konterkariert. Ich habe mich gefragt, ob das getürkt war. Aber es zeigt eben die Methode der Koreanerin, die von Kluge gelernt hat, die Kamera laufen zu lassen, auch wenn es sinnlos erscheint. Dieser Luxus ergibt im Endeffekt Aussagen, die in Hollywood eben nicht vorkommen. Hier zeigt Cho, welche eine Kraft in dokumentarischem Material steckt. Nicht umsonst hat zum ersten Mal in der Geschichte des Max Ophüls-Festivals ein Dokumentarfilm den Preis gewonnen - vor den kunstvollen Spielfilmen.
"Full Metall Village": Das ist Kino pur. Ich verwette meinen Osterhasen, dass solch ein Film im Fernsehen allein nicht mehr produziert und gemacht werden kann. Fernsehen hat die Geschwindigkeit entdeckt und sublimiert. Aber das Kino spielt hier seine Stärke aus: die große Leinwand als Inkarnation der genauen Beobachtung von menschlichem Leben und der langsame Schnittrhythnus als Balsam für die Seele. Hut ab.