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Kritik von Andreas Bückle zu 'Von Löwen und Lämmern'

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Partner von Entania
Kritik von Andreas Bückle
veröffentlicht am 09.11.2007
100%
Die Sitcom ist ein ursprünglich US-amerikanisches Genre im Bereich der TV-Serien. Ein Kennzeichen der Sitcom ist die ständige, schnelle Abfolge von Gags, Pointen und komischen Momenten im Rahmen einer dramatischen Handlung.
Es gibt eigentlich kein Schlagwort, mit dem man "Von Löwen und Lämmern" charakterisieren könnte. Worte wie "betroffenmachend", "authentisch", "innovativ" oder "schnörkellos" vermitteln einem zwar einen gewissen Eindruck, können aber irgendwie nicht genau das beschreiben, was der Film in einem auslöst.

Er ist aber auf jeden Fall eins: Eine herrlich erfrischende, intellektuelle und vielseitige sowie faire Aufarbeit des Irak-Traumas, das nicht nur die USA, sondern gezwungenermaßen die ganze westliche Welt derzeit zum Nachdenken, Polemisieren und Philosophieren bringt.

Senator Jasper Irving (Tom Cruise) empfängt Janine Roth (Meryl Streep), eine Journalistin, die für einen Privatsender arbeitet, zu einem Exklusivinterview, in dem er ihr die neue Strategie für Afghanistan präsentiert. Zeitgleich unterhält sich in Kalifornien ein Professor für Politikwissenschaft namens Stephen Malley (Robert Redford) mit einem seiner besten Studenten (Andrew Garfield) über dessen Potential für die USA und seine Zukunft. In Afghanistan beginnt derweil bereits die neue militärische Strategie der Armee und fordert erste Opfer auf beiden Seiten.

"Vön Löwen und Lämmern" ist ein ernster Film. Er legt so gut wie keinen Wert auf Schauwerte, die Optik ist schlicht und die Bilder sind nicht großartig gefärbt, ein klarer Look lässt sich kaum erkennen, ja, in den Szenen, in denen Malley sich mit seinem Studenten unterhält, wirken in ihrer High-Key-Beleuchtung fast schon sitcom-mäßig. Auch in den wenigen actionreichen Szenen im afghanischen Hochgebirge hält sich die Handlung aufgrund der Aussage herrlich angenehm zurück. Der Film ist wirklich ein todernster über die aktuelle Situation der Vereinigten Staaten. So ernst, dass wahrscheinlich nur ein US-Amerikaner den Film ganz verstehen kann.

Während die meisten Filme der letzten Jahre, die ein politisches Thema in den USA behandelten, meistens sehr actionlastig waren ("Black Hawk Down") und die weltweiten Friedensmissionen der USA nicht nur positiv zeigten, sondern wohl auch bewusst dunkle Stellen in der Geschichte ausgeklammert haben, zeigt sich bei "Von Löwen und Lämmern" besonders eins: die fassungslose Ratlosigkeit der geistigen amerikanischen Elite angesichts des Debakels im Nahen Osten. Es ist herausragend im Film, wie die Protagonisten zwischen bedingungslosen Pazifismus, Patriotismus und gleichzeitig den beiden (!) Einstellungen komplett widersprechenden Fakten einfach nur ratlos sind.

Zwei Studenten, die sich in der (einleuchtenden) Überzeugung, dass sie nicht einfach zu Hause rumsitzen dürften, da sie sonst mit Verweis auf ihre nicht vorhandene Erfahrung niemand ernst nehmen würde in dieser Krise, freiwillig zum Wehrdienst gemeldet haben, sterben am Ende des Films im Kugelhagel durch Taliban. Genau diese beiden halten in einer Szene des Films ein Referat über das Engagement der USA in der Außenpolitik. Dabei schlagen sie vor, dass das dritte High-School-Jahr gestrichen und durch ein Auswärtsjahr entweder beim Friedensdienst, beim Sozialdienst in einem der fünfhundert ärmsten Bezirke der USA oder einer dritten ähnlichen Alternative ersetzt werden soll. Daraufhin bekommen sie natürlich reichlich Widerspruch, der teils pazifistisch, teils mit üblichen Argumenten argumentiert wird.

Hier wird genau eins deutlich: In der Zeit von Abu Ghoreib (dem "Foltergefängnis" im Irak) und der allgemeinen Ablehnung des Krieges in der westlichen Welt ist es quasi "in", pazifistisch zu denken und das lauthals zu verkünden. Dann drängt sich einem aber spätestens nach der Nennung Saddam Husseins eine unangenehme Frage auf: Wenn dieser Mann im Irak tatsächlich herrscht, wie er herrscht: Was war dann die Alternative zur Beseitigung des Dikatators? Diplomatie? In diesem Fall nur ein Schlagwort, hinter dem sich vermutlich bereits jahrelange, die Welt damals aber wenig scherende Bemühungen am Grünen Tisch verbergen.

Unangehm, diese Frage.

Und weiter: Was können wir konkret tun? Wir als Einzelne? Ist es nicht genauso einfach, einfach mal pazifistisch zu sein, "War is not the answer"-T-Shirts anzuziehen und "dagegen" zu sein, wie einfach als Abgeordneter die Hand für eine Invasion des Iraks hochzuhalten?

Das ist quasi der Tenor von "Löwen und Lämmern": Patriotismus ist hier fehl am Platz, Politik ist durchsetzt vom Willen nach Stimmen, ebenso sind die Medien zu sehr vom Drang nach Quote beeinflusst, das System läuft auf Geld hinaus. Das System krankt.

All das wird einem schmerzlich bewusst. Und man sitzt am Ende des Films genauso wie der Student da, sieht die Bilder und euphemistischen Nachrichtenuntertexte, wo die völlig fehlgeschlagene Offensive allen Ernstes als Erfolg (!) angegeben wird, und sitzt mit offenem Mund da. Hatte der Senator ganz am Anfang des Films nicht gesagt, dass die neue Strategie darauf abziele, die Herzen der Afghanen zu erreichen?

Irgendwann fällt auch der Name "Iran", in negativem Zusammenhang, wie zu erwarten.

Dennoch: Der Film stellt nicht nur (wie zu erwarten), die patriotistische, sondern in aller Konsequenz (dafür 100%) auch die zur Zeit trendige, rein pazifistische Position durchgehend in Frage. Das ist nicht nur ehrlich, sondern auch couragiert. Und es erfreut irgendwo, dass bei allem Drama um den Irak auch Afghanistan nicht vergessen wird.

Der 11. September wird in Worten heraufbeschworen, nicht in Bildern. "Lämmer und Löwen" ist einfach ein Film der Worte. Zwar verfügt er über eine ausgeklügelte Bildsprache, aber der Form hat Redford als Regisseur offenbar weniger Bedeutung geschenkt als dem Inhalt. Den einen mag's erfreuen, den andern nicht.

Der Film reflektiert allerdings besonders das Trauma der USA, die Problemzonen selbst wie Afghanistan und den Irak lässt er außen vor, vermutlich, um nicht durch Bilder den falschen Eindruck zu erwecken oder zu der Behauptung zu verleiten, er wolle mit schlimmen, actionreichen, den Zuschauer aufgeilenden Bildern Kasse machen. Das Trauma der USA ist schon schlimm genug, wie viel größer muss dann erst das eines Landes sein, das erobert wurde und so weit unter unserem Standard liegt, dass es für jemanden von uns unvorstellbar ist, wie man dort lebt.

Das Leben in den USA hingegen können wir uns schon eher vorstellen, was Reford sehr am Herzen gelegen sein muss, denn nahezu sämtliche Schriftstücke im Film sind auf deutsch. Ja, auch Overhead-Folien bei dem Referat sind deutsch, obwohl sie im Hintergrund mitten im Bild sind. Ungewöhnlich, es zeigt sich, dass den Machern die Verständlichkeit wichtig war, sodass der Film für Deutschland extra bearbeitet worden ist (und vermutlich für die Vorführung in anderen Staaten auch).

Ich jedenfalls freue mich über die couragierte Meinung, die Redford hier ziemlich ungeschönt präsentiert. Weit weg von weichgespülten Hollywood-Topoi (typischen Redewendungen, auch wenn sie gelegentlich noch immer vorkommen), gibt er einfach seine eigene Ratlosigkeit zu, angesichts einer Armee, die aus ausgesprochen fähigen, opferbereiten Menschen besteht, und einer Führung, sich in den letzten Jahren schwer verschuldet hat. Am eigenen Land und an fremdem.

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