In einem Londoner Krankenhaus wird die Hebamme Anna (
Naomi Watts) Zeugin, wie eine sehr junge Mutter bei der Geburt stirbt. Das Baby überlebt. Die Verstorbene hinterlässt keinerlei Hinweise auf ihre Identität außer einem russischsprachigen Tagebuch. Besorgt um das Baby versucht Anna das Tagebuch zu übersetzen, um möglicherweise die Angehörigen ausfindig zu machen. Dabei kommt sie der Russenmafia in die Quere, welche viel Wert darauf legt, dass das Tagebuch nicht an die Öffentlichkeit kommt - verdammt viel Wert, wesentlich mehr als ein Menschenleben.
Was sich zunächst nach einem 08/15-Thriller oder, noch schlimmer, 20:15-Dreiteiler-
RTL-Schlaf-Ein-Eigenproduktion anhört, ist der neue Film von David Cronenberg, der uns schon mal mit "ExistenZ" einen der originellsten Filme der Neunziger beschert hat. Und auch hier weiß David Cronenberg zu überraschen. Die zunächst banale Story erlaubt uns einen vielleicht nicht komplett authentischen, aber sehr faszinierenden und glaubhaften Einblick in die Machtspiele der Russenmafia im Ausland. Dabei setzt sich der Film sehr ausgiebig mit dem Status der (ich übersetze mal frei) "nach dem Ehrenkodex lebenden Diebe" in Russland auseinander. Die Vertreter dieser höchsten Kaste der Kriminellen müssen zwangsläufig lange Haftstrafen hinter sich gebracht haben. Durch das lange, knallharte Leben im Knast, wo man die ganze Zeit im Blickfeld der anderen ist, haben sie zeigen können, dass sie sich von keinem unterwerfen lassen und niemals mit Polizei kooperieren. Der Lebensweg ist in Form von Tätowierungen immer präsent und kann somit jederzeit "auf Anfrage abgerufen werden". Um solche Typen geht es im Film. Dabei spielt Viggo Mortensen den aufstrebenden Kriminellen Nikolaj, der zumindest offiziell als Fahrer des Gangsterbosssohnes Kirill (Vincent Cassel) arbeitet. Während Kirill sehr impulsiv, rücksichtslos und etwas verwöhnt-yuppiemäßig wirkt, ist Nikolaj kühl und berechnend. Für mich die beste (nicht homosexuelle) Männerbeziehung auf der Leinwand seit langem.
Trotz wenig Action wirkt der Film unheimlich intensiv. In beinahe jedem Dialog wird die Machtposition ausgefochten. Ja, und bei den wenigen Actionszenen wird mit unglaublicher Brutalität der Überlebenskampf vermittelt, bei dem Drehkicks und sonstiges Ballett völlig fehl am Platz wären. Und endlich sieht man Charaktere, die grotesk, aber gleichzeitig auch gut durchdacht und keineswegs klischeehaft oder überzogen wirken. In russischen Foren beschweren sich zwar dauernd irgendwelche Typen, die Tätowierungen im Film wären nicht so richtig nach der letzten kriminellen DIN-Norm ausgeführt etc., aber mich persönlich stört das nicht. Schließlich habe ich nicht vor, beim nächsten Saunabesuch Kriminalstudien zu starten. Für mich haben die Charaktere in diesem englischen Film wesentlich russischer gewirkt als in manch einem russischen. Übrigens wurde Viggo Mortensen, der zur Vorbereitung der Rolle für einige Zeit nach Russland ging, für seine Leistung sogar "für die beste ausländische Russendarstellung" ausgezeichnet. Alles in allem ein sehr originelles, knallhartes Kriminaldrama, mit tollen Schauspielern und toller Regie. Dem Drehbuch fehlt vielleicht noch bissel Substanz zum richtig intelligenten Thriller.