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Kritik von Alexander Kiensch zu 'Tödliche Versprechen - Eastern Promises'

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Kritik von Alexander Kiensch
veröffentlicht am 19.08.2012
70%
Mord, Vergewaltigung, Menschenhandel, Korruption: Aus diesen Zutaten bereitet Regie-Exzentriker David Cronenberg einen düsteren Thriller, der in der Londoner Russen-Mafia-Szene angesiedelt ist. Viggo Mortensen, den der Regisseur schon für "A History of Violence" engagiert hatte, spielt hier einen Fahrer und Leichenentsorger, der durch eine engagierte Hebamme auf die abscheulichen Machenschaften seines Chefs aufmerksam wird - und alles aufs Spiel setzt, um das Baby einer ermordeten Zwangsprostituierten zu retten.

In schmutzigen, tristen Farben erzählt der Film die komplexe Geschichte mehrerer Parteien, die durch den Tod einer schwangeren Unbekannten zusammengeführt werden. Die Kameraarbeit ist dabei von exzellenter Qualität - da werden fahrende Schwenks über Brücken geführt, intensive Nahaufnahmen der Protagonisten eingefangen und der Geschichte durch dynamische Fahrten eine treibende Rhythmik gegeben. Auch der zurückhaltende Musikeinsatz verleiht dem Film eine packende Atmosphäre, die die düsteren Handlungselemente gekonnt untermalt.

Hauptträger der Handlung sind jedoch die hervorragenden Darsteller. Neben Mortensen spielen Naomi Watts, Vincent Cassel und Armin Mueller-Stahl die wichtigsten Protagonisten - und sie lassen den Film erst wirklich intensiv werden. Ob Watts als mutige Hebamme, Cassel als emotionsloser Mafia-Killer oder Mueller-Stahl als erhabener, eiskalt berechnender Pate: Der Cast von "Tödliche Versprechen" spielt ausdrucksstark, überzeugend und mitunter sehr verstörend. Insbesondere Cassel verleiht seiner Figur eine tödliche Kälte, die seine Handlungen unberechenbar und gefährlich macht. Und Mortensen gibt den unnahbaren Mafia-Schergen, unter dessen unbewegter Oberfläche sich allmählich Verständnis und Mitgefühl regen, mit einer klinischen Präzision, die Gänsehaut bereiten kann.

"Tödliche Versprechen" ist dabei auf den ersten Blick zu Cronenbergs späterer Schaffensphase zuzuordnen: Die stilistische Inszenierung ist elegant wie selten zuvor, selbst die überraschendsten Wendungen kommen mit einer überlegenen Ruhe und Ausgeglichenheit daher, die ihre Wirkung nur noch mehr verstärkt, und die deftigen, für Cronenberg-Verhältnisse aber zurückhaltenden Gewaltszenen sind punktuell eingesetzt und dienen niemals bloßem Selbstzweck.

Und dennoch bleibt der Film wohl eines der schwächsten Werke Cronenbergs: Trotz der finsteren Story und zynischer Figuren erreicht "Tödliche Versprechen" nie die Intensität und Grausigkeit früherer Filme. Auch wirkt das Rundum-Happy-End fehl am Platze und Cassels finale Charakterwandlung kommt zu plötzlich und unglaubwürdig. Und dass angesichts des Milieus einige Russen-Klischees bedient werden, ist vielleicht kaum zu umgehen, bleibt aber nichtsdestotrotz ärgerlich. Dennoch unterhält der Film als packender und blutiger Gangster-Thriller, der eine dreckige Welt zeigt, in der gemeine Menschen schreckliche Dinge tun - ein Hauch harter Wirklichkeit durchdringt beinahe jedes Bild, was auch Zuschauer begeistern mag, denen Cronenbergs frühere Werke unbekannt sind. Anschauen lohnt sich auf jeden Fall.

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